Aus Angst vor Ansteckung meiden einige Herzinfarkt-Patienten den Gang zum Arzt. Mit fatalen Folgen.
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Aus Angst vor Ansteckung meiden einige Herzinfarkt-Patienten den Gang zum Arzt. Mit fatalen Folgen.

Angst vor Ansteckung

Corona-Lockdown: Mehr Tote durch Herzinfarkt – Studie deckt Nebeneffekt auf

  • Christoph Hoffmann
    vonChristoph Hoffmann
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Die Zahl der Menschen, die wegen der Corona-Pandemie ihr Leben verlieren, könnte höher liegen als gedacht. Zumindest lässt eine Studie des Gießener Mediziners Holger Nef diesen Schluss zu.

  • Die Corona-Pandemie könnte einer Studie aus Gießen zufolge einen bislang unbekannten Nebeneffekt haben.
  • Während des Lockdowns im Frühling starben auffällig mehr Menschen in Hessen an Herzversagen.
  • Mediziner Holger Nef hat eine These, warum die Zahl der Herzinfarkte gestiegen ist.

Gießen - Meist beginnt es mit einem Druckgefühl im Brustkorb: Herzinfarkte sind immer noch die häufigste Todesursache in Deutschland. Die interventionelle Kardiologie an der Uniklinik Gießen kennt sich auf diesem Gebiet hervorragend aus. Jedes Jahr werden hier 4000 Eingriffe mittels Herzkathetern vorgenommen, es gibt einen Hybrid-OP, drei Herzkatheterlabore, eine Intensivstation sowie eine Intermediate Care Station. Beim stellvertretenden Direktor der Medizinischen Klinik I Kardiologie und Angiologie, Holger Nef, und seinen Mitarbeitern sind Herzinfarktpatienten also in besten Händen. Dafür müssen sie aber auch kommen.

Corona und Herzinfarkt: Patienten verschieben Arztbesuche im Lockdown

»Während des ersten Lockdowns ist die Zahl der Zuweisungen akuter Herzinfarkte in unser Haus dramatisch gesunken«, sagt Nef. Diese Beobachtung haben die Mediziner zum Anlass genommen, eine Studie durchzuführen, die in diesen Tagen in einer renommierten medizinischen Fachzeitschrift veröffentlicht wurde. Sie vergleicht die Zahl der kardiovaskulären Todesfälle zwischen dem 23. März und dem 26. April dieses Jahres, also während des Lockdowns, mit dem gleichen Zeitraum des vergangenen Jahres. Ergebnis: Während des Lockdowns starben knapp zwölf Prozent mehr Menschen in Hessen wegen eines Herzversagens als im Vergleichszeitraum 2019. Nef glaubt, die Gründe dafür zu kennen: »Zum einen gab es natürlich die Handlungsanweisung der Bundesregierung, zu Hause zu bleiben. Das wurde aber möglicherweise trotz Herzbeschwerden in manchen Fällen zu wörtlich genommen.« Zudem geht Nef davon aus, dass einige Menschen aus Angst vor einer Ansteckung mit dem Corona-Virus Arztbesuche lieber auf die lange Bank geschoben hätten. Auch jetzt, während des zweiten Lockdowns, hätten viele Patienten bereits ihre Untersuchungen abgesagt.

»Zudem sind wiederum andere bei Beschwerden nicht ins Krankenhaus gegangen, weil sie das System nicht zusätzlich belasten wollten«, sagt der stellvertretende Klinikdirektor und fügt hinzu: »Teilweise haben die Betroffenen Beschwerden wohl nicht ernst genug genommen, so dass der Herzinfarkt, der im Grunde genommen, bei rechtzeitiger Vorstellung gut interventionell behandelbar ist, irreparable Schäden angerichtet hat.«

Zahl der Todesfälle durch Herzversagen während Corona gestiegen

Für die Studie haben Nef und sein Team in Zusammenarbeit mit den zuständigen hessischen Gesundheitsämtern über 5000 Leichenschauscheine ausgewertet und mit jenen aus dem Vorjahr verglichen. Demnach ist die Zahl der kardialen Todesfälle während der ersten Corona-Welle um 208 gestiegen.

Als Wissenschaftler weiß Nef, dass solch ein Anstieg mehrere Gründe haben kann. Solch ein Anstieg während der Corona-Pandemie sei jedoch mehr als auffällig, sagt der Mediziner, zumal auch die Gesamtanzahl an Todesfällen über die letzten Jahre untersucht worden sei. Untermauert werde ein möglicher Zusammenhang auch dadurch, dass weniger Patienten ins Krankenhaus eingewiesen worden seien.

»Wir wollten Klarheit schaffen. Daher haben wir uns die Katheteraktivität in 26 repräsentativen hessischen Krankenhäusern angesehen«, sagt Nef. Das Ergebnis: Während des Lockdowns ist die Herzkatheteraktivität in den Kliniken um 35 Prozent gefallen, die Zahl der Zuweisungen sank um 20 Prozent.

Klinikdirektor warnt: »Nehmen Sie Ihre Herzbeschwerden ernst«

Über 780 Menschen sind in Hessen seit dem Ausbruch der Pandemie an oder mit Covid-19 gestorben. Wenn man die Studie von Nef und seinem Team betrachtet, könnte die Corona-Pandemie aber deutlich mehr Menschen das Leben gekostet haben, wenn auch indirekt. »Gerade im Hinblick auf die zweite Welle der Corona-Pandemie darf es deshalb nicht mehr passieren, dass Menschen mit Symptomen eines drohenden Herzinfarktes nicht mehr ins Krankenhaus kommen«, sagt Nef und versichert, dass auch zukünftig ausreichend Kapazitäten vorhanden seien, um diese Patienten zu behandeln.

Der stellvertretende Klinikdirektor richtet daher einen Appell an Betroffene: »Nehmen Sie Ihre Herzbeschwerden ernst, rufen Sie - unabhängig der aktuellen Pandemielage - den Notarzt oder kommen Sie in die Notaufnahme!«

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