Mit Lochkarten ins IT-Zeitalter

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Will die Regierung durch Computer ihre Macht zementieren? Was machen eigentlich "Operatoren"? Vor 50 Jahren wurden die neuen Rechenzentren für Kommunen skeptisch bis fasziniert beäugt. Ein Blick zurück in die Anfangszeit der Digitalisierung.

Das Berechnen von Gehältern oder Sozialhilfe wird mit maschinenlesbaren Lochkarten einfacher? Mag ja sein - aber vielleicht will die SPD mit Computertechnik ihre Macht im "roten Hessen" zementieren. Misstrauisch betrachteten CDU-Politiker vor 50 Jahren die Gründung von Rechenzentren für Städte und Gemeinden. Was manchen damals als Vorbote des Science-Fiction-Jahres 1984 erschien, ist heute unter dem Namen ekom21 ein unverzichtbarer Dienstleister. Der hessenweite Hauptsitz Gießen in der Weststadt zählt 180 Mitarbeiter.

Mit der Schlagzeile "Gebietsrechenzentrum im Kreuzfeuer der Meinungen" berichtete die GAZ Anfang 1970 über eine hitzige Debatte im Stadtparlament. Sollte die Stadt dem Kommunalen Gebietsrechenzentrum KGRZ beitreten? Nein, meinten Skeptiker der CDU. Sie mutmaßten, die fünf von der Landesregierung initiierten Zentren sollten "der Steuerung von oben dienen".

Die Arbeitsvereinfachung auf einzelnen Gebieten dürfe "nicht den Blick vernebeln für den Hauptzweck: Die Entscheidungsmöglichkeiten von den gesetzgebenden Organen weg auf die Exekutivorgane verlagern." Letztlich gehe es um die "Verfestigung der Machtverhältnisse in Hessen".

Die SPD und namentlich Oberbürgermeister Bernd Schneider widersprach: Eine Leistungsgesellschaft komme nicht an modernsten Hilfsmitteln vorbei. Geplant sei lediglich ein "Instrumentarium, um der Verwaltung Routineaufgaben abzunehmen". Jede Kommune entscheide, ob sie das Angebot der Landesregierung annimmt.

Nach stellenweise erregten Debatten beschlossen die meisten mitzumachen. Die Arbeit lief indes geräuschlos an. Kaum ein Außenstehender verstand, was genau Organisatoren, Programmierer oder Operatoren den ganzen Tag machen. Diese neuen Berufe nannte ein GAZ-Artikel im April 1970. Im sechsten Stock des "Nürnberger-Hochhauses" (Ecke Ludwigsplatz/Löberstraße) widmeten sich zunächst acht Personen der Aufgabe, die Personalverwaltung der ersten angeschlossenen sieben Landkreisen, 25 Städten und Gemeinden aus Mittel- und Osthessen zu automatisieren. OB Schneider versicherte: Keineswegs werde die "Maschine" Entscheidungen treffen, wie mancher Bürger befürchte. Eine EDV-Anlage für Lochkarten solle im Juli eintreffen, "später sollen Bänder und Platten benutzt werden".

Wenige Monate später staunte ein Reporter, der die "summende Rechenanlage" in Augenschein nahm, erneut: "Die Fernziele muten utopisch an, wenn man sich noch in unserer technisierten Zeit über etwas wundern kann. Man denkt an eine Datenfernübertragung über Fernsehapparate (sogenanntes Teleprocessing)." Die Leitungen werde die Bundespost zur Verfügung stellen. Schon 1972 wurde der Neubau in der Carlo-Mierendorff-Straße bezogen.

Alleine wären gerade die kleineren Rathäuser "überhaupt nicht in der Lage gewesen", die neue Technik einzuführen und damit letztlich kundenfreundlicher zu werden, hieß es beim Festakt zum 25-jährigen Jubiläum 1995. Da war das KGRZ längst zum Dienstleister mit 150 Mitarbeitern gewachsen.

Von einer etwas breiteren Öffentlichkeit wahrgenommen wurde die Einrichtung über Jahre vor allem an Wahlabenden. Direkt dort, wo die Daten zusammenliefen, informierten sich bis 2002 Vertreter von Parteien und Presse. Mit der Verlegung ins Rathaus öffnete man die Veranstaltung für alle Interessierten.

Ebenfalls 2002 geriet das Unternehmen bundesweit in die Schlagzeilen. Grund: Der damalige Gießener OB Manfred Mutz (SPD) wechselte überraschend als Geschäftsführer dorthin und ließ sich dafür aus taktischen Gründen vom Amt "beurlauben".

Da hieß die Einrichtung bereits KIV (Kommunale Informationsverarbeitung), zu der sich 1996 die Zentren Gießen, Darmstadt und Frankfurt zusammengeschlossen hatten. 2001 kam die ekom21 GmbH als Tochtergesellschaft dazu. 2008 erfolgte die Fusion mit Kassel. 500 Mitglieder tragen heute den Zweckverband. Neben Kommunen sind Verbände und andere Einrichtungen dabei, nicht nur aus Hessen.

Ganz unberechtigt war das Misstrauen vor 50 Jahren nicht. Die zentrale Datenverarbeitung macht Kommunen angreifbar, zeigen Hacker-Angriffe. Auch davon wird sicher die Rede sein am 18. September, wenn das 50-jährige Jubiläum in Wiesbaden gefeiert wird.

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