Opa und Enkelin unterwegs.
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Opa und Enkelin unterwegs.

Lizenz zum Verwöhnen

  • Christine Steines
    vonChristine Steines
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Die strickende Oma mit Kittelschürze ist ein Klischee vergangener Zeiten. Moderne Omas sind anders als im Bilderbuch, aber sie sind längst nicht alle gleich. Viele spielen eine wichtige Rolle für die Enkel. Doch bei etwa 50 Prozent der Familien sind Omas gar nicht präsent. Bei der Annäherung an den "Mythos Oma" gibt es eine wichtige Erkenntnis: Man darf den Opa nicht vergessen.

Johanna ist krank. Sie hat Fieber und einen bösen Husten. In die Kita kann sie auf keinen Fall. Ihre Mutter ist Ärztin, gleich beginnt ihre Sprechstunde, sie muss zur Arbeit. Was tun? "Wir rufen die Oma an." Die Oma, das ist Christa Maria Mohr. Die 65-Jährige wohnt nicht weit entfernt, sie zögert nicht lange und eilt ans Krankenbett. Seit sie im Ruhestand ist, kümmert sie sich oft und gerne um die vier Enkel.

"Früher war das nicht so spontan möglich, aber jetzt bin ich im Stand-by-Modus", sagt sie und lacht. Sohn und Tochter wohnen in der Nähe, beide haben zwei Kinder. Die Rentnerin verbringt gerne Zeit mit den Enkeln (Johanna und Finya sind vier, Sophia ist neun und Lean ist zehn Jahre alt). Basteln, malen, spielen, Quatsch machen, all das finden Oma und Enkel großartig. "Sie sind wie ein Sonnenschein in meinem Leben. Wenn wir zusammen sind, habe ich gute Laune", sagt Christa Mohr. Mal wird die Oma durch eine imaginäre Arena geführt wie ein Zirkuspferd, mal wird sie kostümiert und geschminkt, an einem anderen Tag wird "große Party" gespielt und ein ganzes Menü aus buntem Papier ausgeschnitten. Das macht allen Spaß, aber dennoch ist die Oma eine Respektperson. "Ich muss darauf aber niemals hinweisen, das ist einfach klar zwischen uns."

Dass die Großeltern in die Kinderbetreuung einbezogen werden, sehen die Erzieherinnen im Montessori-Kinderhaus in Gießen jeden Tag. "Viele Großeltern bringen oder holen die Kinder von der Kita ab", erzählt Silke Hähnlein, die stellvertretende Leiterin. Oft sei die Unterstützung aber nicht auf die Chauffeurdienste beschränkt. "Häufig ist der Familienalltag ohne die Großeltern nicht zu stemmen", sagt sie. Im Kinderzentrum legt man großen Wert auf ein Miteinander der Generationen. Es gibt gemeinsame Back- und Basteltage mit den Großeltern, und auch zu den Festen kommen Oma und Opa mit. "Die Kinder sind stolz darauf, ihnen zeigen zu können, was sie hier machen."

Es gebe aber auch viele Kinder, die wenig oder gar keinen Kontakt zu den Großeltern hätten. Studien zufolge sind das sogar etwa 50 Prozent. Sie sind selbst noch berufstätig, wohnen weit entfernt, oder sie sind mit Hobbys, Sport und Ehrenämtern anderweitig eingebunden.

In Zeiten hoher Scheidungsraten und vieler Patchworkfamilien komme es aber auch vor, dass Kinder nicht nur zwei Omas und zwei Opas haben, sondern drei oder vier. Mit dieser Vielfalt hätten die Kinder meist kein Problem, sagt Hähnlein. Je entspannter das Verhältnis der Erwachsenen untereinander sei, desto selbstverständlicher sei der Umgang der Kinder mit den "echten" und "adoptierten" Großeltern.

Apropos Vielfalt. In einer pluralistischen Gesellschaft mit vielen unterschiedlichen Lebensentwürfen gibt es auch viele unterschiedliche Oma-Typen. Fragt man ältere Erwachsene nach ihrer Oma, so schildern sie häufig die typische "Kuscheloma". Früher waren das häufig die Frauen, die selbst nicht erwerbstätig waren, sondern sich ihr Leben lang um Haushalt und Kinder gekümmert haben. Sobald die eigenen Kinder aus dem Haus waren, galt die Fürsorge den Enkeln. Die Oma hatte Zeit, unendlich viel Geduld, sie holte bei Bedarf ein Taschentuch oder ein Bonbon aus ihrer Kittelschürze, backte wunderbaren Sonntagskuchen, strickte Socken und hatte für alle Lebenslagen einen guten Rat.

Neben dieser Oma gab es schon immer Großmütter, die diesem Bild überhaupt nicht entsprachen, und das ist bis heute so geblieben. Beispielsweise dann, wenn sie selbst erwerbstätig waren oder sind. Oder aber, weil sie diese Rolle nicht übernehmen wollten. Sie möchten nach der eigenen Familienphase nicht noch einmal Verantwortung tragen. Mütter sind keine homogene Gruppe, und Großmütter sind es auch nicht. Manchmal sind es auch die Eltern, die eine enge Bindung zwischen Großeltern und Eltern nicht wünschen - zum Beispiel, weil sie kein Vertrauensverhältnis zueinander haben oder es Konflikte aus ihrer eigenen Kindheit gibt.

Klischees und verklärende Erinnerungen spielen eine große Rolle bei der Annäherung an den "Mythos Oma". Wenn ältere Erwachsene von ihren Großmüttern erzählen, gibt es neben den Schilderungen einer zärtlichen, innigen Beziehung auch weniger schöne Rückblicke: An strenge, unnahbare Großmütter, die ihren Enkeln entweder gleichgültig oder mit großen Erwartungen begegneten. Ein weites Feld ist zudem die Konfrontation mit der Generation, die im Nationalsozialismus erzogen wurde und ein Leben lang die Schrecken des Krieges mit sich herumträgt. Eine politische Dimension bekommt die vielschichtige Beziehung durch die "Omas gegen Rechts". Diese Frauen wollen ein Signal setzen gegen populistische und fremdenfeindliche Strömungen.

Viele Frauen und Männer aus der Nachkriegsgeneration, deren Kinder eigene Familien haben, genießen die Großeltern-Rolle, die gemeinsame Zeit bedeutet für sie Lebensqualität. Sie lieben die Privilegien, großzügiger und nachgiebiger sein zu dürfen als die Eltern, sie haben eine "Lizenz zum Verwöhnen". In einer Leistungsgesellschaft, in der Eltern unter Druck stehen und diesen an die Kinder weitergeben, sind diese Großeltern ausgleichend und gelassen.

Eine viel wichtigere Rolle als früher spielen heute die Großväter. Die neue "Opa-Generation" bringt sich bei der Betreuung ein, viele Männer haben Spaß daran, mit ihren Enkeln zusammen zu sein. "Es sind längst nicht mehr nur die Omas, die sich um die Enkel kümmern", sagt Silke Hähnlein.

"Die Opas sind für die Kinder ganz wichtig." Viele Opas sind sportliche Männer, die mit den Enkeln Fahrrad fahren, Fußball spielen oder in der Natur unterwegs sind. Für die Enkel können sie ein "Fels in der Brandung" sein.

Johanna und ihre Geschwister sind jedenfalls froh, dass sie so oft bei den Großeltern sein können. "Oma ist toll. Sie ist voll lustig und schlau", sagt Sophia. Eine Liebeserklärung trägt Christa Mohr im Portemonnaie bei sich: "Du bist die Beste Oma von überall. Ich meine Mehr als überall. Von Soffi."

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