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Literatur muss nicht wortgewaltig sein

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Von: Karola Schepp

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Kristof Magnusson lässt sich auch von einer quietschenden Bühnenkonstruktion nicht aus dem Konzept bringen. © Karola Schepp

Gießen (gl). Es sei ein »künstlerisches Experiment« gewesen, erzählt Kristof Magnusson, als er auf Einladung des Literarischen Zentrums in der Aula des Landgraf-Ludwigs-Gymnasiums zwei seiner Geschichten aus dem Band »Lies! Das Buch« präsentiert.

In dem Band haben 13 durchaus namhafte Autoren auf Anregung des Literaturhauses Frankfurt Geschichten in sogenannter »Einfacher Sprache« verfasst. Zehn Regeln - wie einfache Wörter und Sätze schreiben, Zeitsprünge vermeiden und möglichst wenige Hauptwörter, aber viele Verben verwenden - haben sie sich gegeben. Ihr Motto lautete »Literatur muss nicht kompliziert, verrätselt oder wortgewaltig sein, um ihre Wirkung zu entfalten«. Ein Bild könne man schließlich auch mit 100 Farben oder nur in Schwarz-Weiss malen.

Im Gespräch mit Moderatorin Mathilde Hennig vom JLU-Institut für Germanistik und dem Publikum berichtet Magnuson, dass es sich bei den Geschichten um »Literatur für alle« und nicht nur für eine bestimmte Zielgruppe handeln sollte. Eine bestimmte Wortschatzliste habe es dafür nicht gegeben, wohl aber eine unmittelbar an das Erscheinen des Buches geknüpfte anschließende wissenschaftliche Untersuchung. Denn schließlich sei der von Hauke Hückstädt herausgegebene Band der erste mit wirklich literarischen Geschichten in Einfacher Sprache.

Oft ist gute Literatur ganz einfach, ist Kristof Magnusson überzeugt und liefert mit seinen beiden, von echten Kriminalfällen inspirierten Kurzgeschichten »Die billige Wohnung« und »Das Hotel am See« sogleich den Beweis. In der ersten Geschichte geht es um eine Person, die von einem Fremden erfährt, dass sie unwissentlich die Wohnung angemietet hat, in der einst eine Frankfurter Edelprostituierte ermordet wurde. In der zweiten Geschichte erzählt Magnusson vom Tod eines berühmten Politikers in der Badewanne eines Schweizer Hotels und dem Besuch einer mysteriösen Frau. Dass es sich im ersten Fall um Rosemarie Nitribitt, im zweiten um Uwe Barschel handelt, wird nicht erwähnt, schwingt aber im Subtext mit. Warum er denn ausgerechnet solch doppelbödige Geschichten für seine Erzählungen in Einfacher Sprache ausgewählt habe, will Moderatorin Hennig wissen, und der Autor verweist auf die Aufgabenstellung, mit einer Geschichte Bezug auf ein Exponat im Museum für Stadtgeschichte in Frankfurt nehmen zu müssen. Und auch für die Barschel-Figur gebe es eine einfache Erklärung: Er erinnere sich noch gut an den Tag, als sein Vater nicht wie beabsichtigt mit einer Tüte Brötchen zum Frühstück erschienen sei, sondern mit jener berühmten »BILD«-Ausgabe mit dem Foto des Politikers auf dem Titel, das ihn tot in der Badewanne zeige.

Kriminalfälle aus 16 Bundesländern

Aktuell arbeitet Magnusson an einem Buch mit 16 Kriminalfällen aus 16 Bundesländern und recherchiert dazu DDR-Fluchtgeschichten über die Ostsee. Ob auch diese Strory in Einfacher Sprache geschrieben wird, bleibt noch offen. Magnusson jederfalls betont: »Es muss immer einen Grund für das Komplizierte geben.«

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