Carsten Gansel lehrt an der Justus-Liebig-Universität Neuere deutsche Literatur. FOTOS: DPA/PM
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Carsten Gansel lehrt an der Justus-Liebig-Universität Neuere deutsche Literatur. FOTOS: DPA/PM

Literarischen Schatz gehoben

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Gießen(pm). Verborgene literarische Schätze bergen: Dieser Mission hat sich der Gießener Germanist Carsten Gansel verschrieben. Nachdem bereits einige der von ihm wiederentdeckten und neu erschlossenen Texte auf Bestsellerlisten landeten, überrascht er das literaturbegeisterte Publikum jetzt mit der erstmaligen Publikation des Lebensberichts von Werner Lindemann, Autor und Vater des Sängers Till Lindemann, der international erfolgreichen deutschen Band "Rammstein".

Vater des Rammstein-Sängers

Gansel, Literatur-Professor an der Justus-Liebig-Universität Gießen, hat die bislang unbekannte, im Nachlass des Autors entdeckte Erzählung bearbeitet und ergänzt um ein Gespräch mit Gitta Lindemann, der Witwe des im Jahr 1993 verstorbenen Autors.

Werner Lindemann wuchs im Gutsdorf Altjeßnitz bei Wolfen auf und musste als Siebzehnjähriger im Zweiten Weltkrieg kämpfen. Diese Erfahrung hat ihn ein Leben lang geprägt. Der von Gansel in der Reihe "Literarische Entdeckungen" beim jungen Berliner Okapi Verlag herausgegebene Text Lindemanns ist autobiographisch geprägt und führt die Leser zurück in die letzten Tage des Zweiten Weltkrieges sowie die ersten Monate nach Kriegsende. Durchbrochen von Kindheits- und Jugenderinnerungen schildert Lindemann die Zeiten eines Neuanfangs. Er zeichnet den Weg des jungen Werner bis zum Studium und der Aufnahme einer Tätigkeit im Kulturbereich nach.

Das Buch wird ergänzt durch ein umfangreiches Gespräch mit Gitta Lindemann, das Einblicke in das Schaffen des Autors gibt und Informationen über eine vielzitierte, vermeintliche Künstlerkolonie in der DDR vermittelt, die sich in den mecklenburgischen Orten Neumeteln und Drispeth angesiedelt hatte. Hier wohnten Christa und Gerhard Wolf, Sarah Kirsch, Helga Schubert oder Daniela Dahn und Joochen Laabs.

Werner Lindemann gehörte zu den renommierten Kinderbuchautoren, der vor allem durch seine Lyrik viele junge Leser erreichte. Neben zahlreichen Lyrikbänden entstanden in den 1980er-Jahren auch Prosabände, darunter die Geschichtensammlung "Aus dem Drispether Bauernhaus" (1981) und "Die Roggenmuhme" (1986). Im Jahr 1988 erschien sein Buch "Mike Oldfield im Schaukelstuhl", das im Untertitel "Notizen eines Vaters" heißt. Der Autor beschreibt darin das mehrmonatige Zusammenleben eines Ich-Erzählers mit seinem neunzehnjährigen Sohn. Subtil werden in der autobiographischen Geschichte Momente von Distanz und Nähe zwischen dem Vater Werner Lindemann und dem Sohn erfasst, bei dem es sich um den späteren Sänger der Band "Rammstein" handelt.

Das komplizierte Zusammenleben mit seinem Sohn hatte Lindemann in unregelmäßiger Tagebuchform festgehalten. Dieses Buch erschien erstmals kurz vor der Wende in der DDR. Erst im Vorjahr wurde es, ergänzt um ein Interview mit Till Lindemann, unter dem Titel "Mike Oldfield im Schaukelstuhl" neu aufgelegt. Gansels neue Publikation ist eine Ergänzung zu dieser Lektüre.

Gansel ist seit 1995 Professor für Neuere deutsche Literatur- und Germanistische Mediendidaktik an der JLU. Er beweist mit seinem Team am Institut für Germanistik immer wieder einen besonderen literarischen Spürsinn. 2016 sorgte er mit dem von ihm herausgegebenen Band "Durchbruch bei Stalingrad" für Furore. Es war ihm gelungen, die 1949 vom russischen Geheimdienst konfiszierte Urfassung des großen Antikriegsromans von Heinrich Gerlach in russischen Archiven wiederzufinden. Ein Jahr später gab er Heinrich Gerlachs "Odyssee in Rot" heraus. Gemeinsam mit Mitarbeitern entzifferte er die handschriftliche Urfassung des Weltbestsellers "Kleiner Mann - was nun?".

Werner Lindemann: Die Beichte. Ein Lebensbericht. 191 Seiten, 20 Euro, OKAPI Verlag Berlin 2020, ISBN: 978-3-947965-10-6.

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