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Tischtennis im Wohnzimmer: Hermann und Renate Lindemann sind seit über 50 Jahren ein gutes Team. FOTO: SCHEPP

Mensch, Gießen

Lindemanns gibt es nur im Doppelpack

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Gemeinsam kämpfen Renate und Hermann Lindemann seit Jahrzehnten für die Mukoviszidose-Forschung. Mit ihrem symbiotischen Leben sind die Lindemanns ein Doppelpack der besonderen Art.

Dreimal in der Woche liefern sie sich ein Match im Wohnzimmer. Die Decke über der kleinen Tischtennisplatte wird zur Seite gelegt, und los geht es. Die Lindemanns tun das, weil es ihnen Spaß macht - und weil es zur Fitness beiträgt. Sport spielt im Leben von Renate und Hermann Lindemann eine große Rolle. Das war schon immer so. Als Studenten haben sie sich in den 60er Jahren kennen gelernt, beim Volleyball. Am 14. August 1968 wurde geheiratet: Morgens ging es aufs Standesamt, nachmittags zum Volleyball. "Wir fanden das toll", sagt Renate Lindemann und lacht. Ihr Mann nickt und lächelt. Er ist der Ruhige, der Besonnene. Sie die Temperamentvolle, Quirlige. "Ihre spontane, frische Art hat mir von Anfang an gut gefallen", sagt der 79-Jährige und betrachtet seine "Pe" mit liebevollem Blick. Den Spitznamen, unter dem sie alle Welt kennt, hat sie ihrer Schwester zu verdanken. Die machte als kleines Kind aus der Renate eine Penate. Dabei hatte sie die gleichnamige Creme im Kopf und die Schwester für immer einen neuen Namen.

Nach dem Studium in Marburg und Münster kamen die Lindemanns nach Gießen. Hermann hatte seinen ursprünglichen Plan, Lehrer zu werden, aufgegeben und sich für Medizin entschieden. Renate dagegen trat ihre erste Stelle an der Herderschule an, sie war eine begeisterte Sportlehrerin. Sie baute mit Begeisterung die Schulmannschaften auf und spielte selbst aktiv Volleyball. Und dann passierte das, was sie ihre persönliche Tragödie nennt. Sie ließ sich wegen eines Bandscheibenvorfalls operieren, die OP verlief nicht gut. "Ich war schief und krumm, ich habe ein Jahr lang alles versucht, um die Schmerzen loszuwerden und die Fehlstellung zu korrigieren". Ohne Erfolg, es waren irreparable Schäden entstanden. Pe Lindemann musste ihren Beruf aufgeben. "Das war unsere schlimmste Zeit", sagt Hermann Lindemann. Zumal er seiner Frau nicht so beistehen konnte, wie er es gerne getan hätte. Der junge Mediziner war damals dabei, sich zu habilitieren, ihm war die Leitung eines eigenen Funktionsbereiches in Aussicht gestellt worden. "Mit dieser Stelle konnten wir in Gießen bleiben, deshalb stürzte mein Mann sich in die Arbeit", erinnert sie sich. Und sie biss sich notgedrungen durch und brauchte einen anderen Lebensplan.

Bundesverdienstkreuz erhalten

Eine Aufgabe, in die sie all ihre Energie steckte, kam 1987. Viele Jahre später sollte sie für ihren Einsatz sogar das Bundesverdienstkreuz bekommen. Sie begann, für die schlecht ausgestattete Mukoviszidose-Ambulanz zu sammeln. Vor allem aber übernahm sie die psychosoziale Betreuung der Mukoviszidose-Patienten und ihrer Angehörigen. Die unheilbare, genetisch bedingte Stoffwechselstörung, ein Fachgebiet ihres Mannes, war damals in der Öffentlichkeit meist unbekannt. Sechs Jahre später wurde der Förderverein gegründet, in dessen Vorstand die Lindemanns noch heute sind. Dem Verein ist es nicht nur zu verdanken, dass Gelder in die Forschung flossen, er sorgte auch dafür, dass die Patienten besser versorgt werden konnten. In den letzten 30 Jahren hat es riesige Fortschritte gegeben, die Lebenserwartung und die Lebensqualität der Patienten haben sich deutlich verbessert. Das gemeinsame Ziel hat das Ehepaar noch enger zusammengeschweißt. "Wir haben viel durchlitten mit unseren Patienten, aber wir haben auch viel gelacht", sagt die 75-Jährige. "Humor ist wichtig, er hilft über vieles hinweg". Mit zahlreichen Familien hat sich im Laufe der Jahre ein freundschaftliches Verhältnis entwickelt, manche Verbindungen halten bis heute.

Apropos Humor. Die Lindemanns umgeben sich gerne mit einem ganz besonderen "Philosophen". Sie lieben die Peanuts und sind große Fans von Snoopy, diesem verrückten, lustigen, größenwahnsinnigen, liebenswerten Beagle aus den Comics. Das ist auch im Wohnzimmer nicht zu übersehen, die Bande um Charlie Brown begegnet einem auf Kissen, auf Bildern, auf der Küchenrolle - und auch der Smart von Pe Lindemann ist mit Snoopy verziert. Ein bisschen schräg für eine 75-Jährige, oder? "Kann schon sein", lacht sie. "Wir sind noch ein bisschen so wie früher als Studenten". Sie kann sich noch gut daran erinnern, wie erstaunt ein kleiner Patient war, als er ins Wohnzimmer des Herrn Professors und seiner Frau kam. "Das ist ganz schön bunt hier".

Das stimmt - Bücher, Spiele, Kissen, Puppen, bunte Deko angefangen von Sonnenblumen bis hin zu weihnachtlichem Acçessoires - alles da. Das Leben ist ernst genug, deshalb umgeben sie sich gerne mit fröhlich stimmenden Dingen. Lindemanns freuen sich, wenn sie in der Stadt oder auf einer Reise ein witziges Teil entdecken. Grau in Grau mögen andere daher kommen, Lindemanns jedenfalls nicht.

Renate Lindemann liebt kräftige Farben, insbesondere türkis ist ihr Markenzeichen: Von den Ohrringen bis zu den Schuhen ist immer alles aufeinander abgestimmt. Seit 2007 ist Hermann Lindemann im Ruhestand. Er hat in diesem neuen Lebensabschnitt das Schreiben von Krimis für sich entdeckt, skurrile Fälle und feine Ironie prägen seinen Stil. Davon abgesehen machen Lindemanns fast alles gemeinsam, und das nach einem genauen Wochenplan. Stadtbummel und Restaurantbesuche unternehmen viele Paare zusammen, aber Lindemanns gehen auch gemeinsam einkaufen, sie putzen und kochen gemeinsam und sind fast immer im Duo unterwegs. Noch immer lieben sie alles, was mit Sport zu tun hat: Er spielt Squash, sie geht zum Spinning, zusammen gehen sie ins Fitnessstudio. Lindemanns spielen Doppelkopf mit Freunden oder am PC, sie machen Lauftraining im Wohnzimmer und absolvieren jeden Abend ihre Gymnastik. "Wir verbringen einfach gerne Zeit miteinander", sagt sie und strahlt. "Streit gibt es selten. Das ist so unnötig und kostet nur Energie", meint er. "Wir haben auch Glück miteinander".

Glück und Energie hat das Paar in diesem Jahr dringend nötig gehabt. Pe Lindemann ist an Brustkrebs erkrankt, sie hat die Therapie soeben hinter sich gebracht. Es waren schwere Monate, aber die 75-Jährige hat sich wie immer zäh durchgebissen und war froh, dass ihr Mann ihr zur Seite stand. Jetzt ist das Paar dankbar, seinen sportlichen, bunten Alltag zurück zu haben. Die nächsten Tischtennisrunden - und vieles mehr - können kommen.

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