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Während der Predigt von Pfarrer Michael Paul werden Textpassagen in der Johanneskirche an die Wand projiziert. FOTO: CSK

Kirche

So liefen in Gießen die Gottesdienste unter Corona-Auflagen

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Zum ersten Mal seit mehreren Wochen durften auch Gießener Gläubige Gottesdienst feiern. Unter welchen Bedingungen sie dies tun konnten.

Kurz vor Schluss steht er plötzlich da. "Alles Ding währt seine Zeit, Gottes Lieb in Ewigkeit", heißt der Satz des Dichters Paul Gerhardt, der am Sonntagmittag per Beamer an eine Wand in der Johanneskirche projiziert wird. Er ist gut 350 Jahre alt - und beschreibt die Botschaft im ersten Gießener Gottesdienst nach sieben Wochen Coronapause. Singen dürfen die Besucher dabei nicht, beten nur still oder ganz leise. Es fehlen also die Stimmen. Nicht aber die Stimmungen. "Tief in der Seele" solle jeder und jede die Lieder umso intensiver erklingen lassen, bittet Pfarrer Michael Paul. Eine Stunde später weiß Pfarrer Matthias Weidenhagen, dass der Neustart für Lukasgemeinde und Johannesgemeinde geglückt ist: "Viele dankbare Augen" habe er über den Mund- und Nasenmasken gesehen, sagt er.

Weidenhagen, Paul und Propst Matthias Schmidt gestalten einen - bis auf die Eucharistie - vollständigen evangelischen Gottesdienst. Die katholische St. Bonifatius-Gemeinde hält es anders. Sie macht mit zwei musikalischen Andachten einen ersten vorsichtigen Schritt in die "neue Normalität". Als "außergewöhnlich, spannend, sehnsüchtig, vielleicht auch ein bisschen aufregend" beschreibt Gemeindereferentin Uta Kuttner dieses Vorhaben zu Beginn. In der Kirche sitzen zehn Gäste, die auf ihren Wegen hinein und hinaus Mundschutz tragen müssen, an den Plätzen jedoch nicht. Außerdem haben sich alle mit Namen und Adressen angemeldet und am Eingang die Hände desinfiziert. Zur Premiere eine Stunde zuvor waren 40 Gläubige gekommen.

"Ein guter Anfang"

Überhaupt, die Zahlen: Höchstens 60 Menschen fasst die Johanneskirche während des Corona-Ausnahmezustands. Weil es hier keine Anmeldeliste gibt, fürchtet Weidenhagen zunächst, Interessenten an der Tür abweisen zu müssen. Am Ende finden alle einen Platz und viele Hoffnung und Trost in der Feier. "Toll" und "wunderbar" nennt Doris Diether den Gottesdienst. "Ein guter Anfang" ist er für Elisabeth Magel.

Komplett auf Gesang verzichten brauchen die Gläubigen am Ende auch nicht. Dem Leitspruch des "Kantate"-Sonntags ("Singet dem Herrn ein neues Lied, denn er tut Wunder") wird in der Johanneskirche allerdings nur Kantor Christoph Koerber gerecht. In St. Bonifatius übernehmen diesen Part der Organist Michael Gilles und die Sopranistin Nicole Tamburro. Hier wie da strukturiert die Musik das Geschehen nicht nur - sie schenkt der Gemeinde akustisch neue Energie für die folgenden, stillen Minuten.

In den Mittelpunkt ihrer Predigten rücken Schmidt und Paul zwei glaubwürdige Hoffnungsspender. Schmidt spricht über Matthias Claudius und sein Lied "Der Mond ist aufgegangen", Paul erinnert an Dietrich Bonhoeffer und das Werk "Von guten Mächten wunderbar geborgen". Beide lieferten "ein Gleichnis für das Ruhigwerden" (Schmidt) und ein leuchtendes Beispiel für die Geborgenheit "in Gottes liebender Hand" (Paul).

"Es ist nicht das Gleiche", meint Heike Wendrich aus dem Kirchenvorstand der Lukasgemeinde nach dem Segen. Schon weil man derart wenige Besucher nicht gewohnt sei. Eine andere Frau gesteht gar "den Impuls, die Maske runterzureißen und einfach mitzusingen". Tatsächlich brechen die Gläubigen ihr Schweigen in der katholischen und in der evangelischen Kirche an exakt derselben Stelle: Beim Vaterunser beten sie mal mehr, mal weniger zaghaft mit. Ein Augenblick der Normalität in unnormalen Zeiten. Und wahrscheinlich das energischste Murmeln seit langer Zeit..

Info

In der Johanneskirche findet auch am kommenden Sonntag, 17. Mai, um 10 Uhr ein Gottesdienst mit Mundschutzpflicht, aber ohne Voranmeldung statt. Parallel führen Lukas- und Johannesgemeinde die von 500 bis 600 Menschen angeklickten Online-Gottesdienste weiter. Dieser Modus gilt bis auf Weiteres. In St. Bonifatius beginnt die erste musikalische Andacht am kommenden Sonntag um 10 Uhr. Hier wird um Anmeldung gebeten. Ob es wieder eine zweite Andacht gibt, ist laut Pfarrer Hans-Joachim Wahl noch nicht entschieden. Alle drei Gemeinden informieren im Internet.

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