"Er liebt seine Kinder sehr"

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Dass der 36-jährige Familienvater psychische Probleme haben könnte, ahnte der Arzt sehr wohl. Der arabischstämmige Mediziner war für die sechsköpfige syrische Familie nicht nur wegen seinen Übersetzungen zu einer Vertrauensperson geworden. Vermutlich hätte sich der Arzt nie vorstellen können, dass der Vater am Morgen des 3. Juli 2018 mit einem Messer auf seine Ehefrau und seine vier Kinder losgeht und versucht, sie umzubringen. "Er war immer ein so engagierter Vater, der seine Kinder sehr liebte", sagte der Arzt am Mittwoch vor dem Landgericht Gießen. Er war einer der vielen Zeugen, die am zweiten Prozesstag zur Bluttat in der Krofdorfer Straße aussagten.

Dass der 36-jährige Familienvater psychische Probleme haben könnte, ahnte der Arzt sehr wohl. Der arabischstämmige Mediziner war für die sechsköpfige syrische Familie nicht nur wegen seinen Übersetzungen zu einer Vertrauensperson geworden. Vermutlich hätte sich der Arzt nie vorstellen können, dass der Vater am Morgen des 3. Juli 2018 mit einem Messer auf seine Ehefrau und seine vier Kinder losgeht und versucht, sie umzubringen. "Er war immer ein so engagierter Vater, der seine Kinder sehr liebte", sagte der Arzt am Mittwoch vor dem Landgericht Gießen. Er war einer der vielen Zeugen, die am zweiten Prozesstag zur Bluttat in der Krofdorfer Straße aussagten.

Juristisch gesehen ist der Fall klar, der Angeklagte geständig. Dahinter steckt aber eine menschliche Tragödie. Der gebürtige Syrer räumte gleich am ersten Prozesstag Mitte Januar seine Schuld ein. Er habe versucht, seine Ehefrau, seine drei Jungs und seine damals wenige Wochen alte Tochter zu töten. Danach versuchte er, die Wohnung im ersten Stock in der Krofdorfer Straße in Brand zu setzen, und sprang aus dem Fenster. Der 36-Jährige ist seitdem querschnittsgelähmt und sitzt im Rollstuhl. Staatsanwalt Thomas Hauburger erklärte am ersten Prozesstag, der Vater habe seine Taten im Zustand der Unzurechnungsfähigkeit verübt.

Der Arzt bestätigte das Bild von dem 36-Jährigen, das bereits dessen Ehefrau Mitte Januar vor dem Landgericht gezeichnet hatte. Der damals in der Kinderklinik tätige Mediziner beschrieb den Syrer als liebevollen Vater, der zweimal in der Woche mit seinen beiden Söhnen ins Krankenhaus gekommen sei; die Jungs wurden dort wegen der sogenannten Bluterkrankheit behandelt. "Ich habe ihn nie aggressiv erlebt. Nur einmal wurde er lauter, aber er hat sich danach sofort entschuldigt", sagte der Arzt. Er habe aber sehr wohl bemerkt, unter welchem großen Druck und Stress der Familienvater teilweise gestanden habe.

Dann habe sich der 36-Jährige verändert und immer wieder davon gesprochen, er werde beobachtet, das Jugendamt wolle ihm die Kinder wegnehmen. "Wir haben ihm erklärt, dass das Jugendamt das nicht tun will", sagte der Arzt, "und wir haben für ihn mehrere Termine bei einem Psychiater gemacht. Er ist aber nicht hingegangen." Nur einmal – einen Tag vor dem Angriff auf seine Familie.

Auch den direkten Nachbarn war aufgefallen, dass sich der 36-Jährige verändert hatte. Zuerst sei es ein ganz normales Verhältnis gewesen, schilderte der 30-jährige Nachbar. Der Syrer habe ihm von seiner Fluchtgeschichte über die Balkanroute erzählt. Auch hätten sie gemeinsam Fahrräder im Hof repariert. Später habe der 36-Jährige ihn aber plötzlich gefragt, warum er und seine Mitbewohnerinnen schlecht über ihn reden würden. Auch die 27-jährige Nachbarin von unten schilderte ähnliche Erlebnisse.

Hängen blieb am Ende die Aussage eines Feuerwehrmanns. Der schilderte sachlich bis knochentrocken den Löscheinsatz an jenem Julimorgen. Kein Mann überflüssiger Worte oder großer Gesten. Umso mehr hallen einige wenige Worte des Mittdreißigers nach: Er hatte den Jungen entgegengenommen, den sein Kamerad über die Drehleiter aus der Wohnung im ersten Stock retten konnte; die anderen beiden Jungen hatten sich unter einer Decke in der Wohnung versteckt und waren später über das Treppenhaus gerettet worden. "Er hat immer wieder gesagt, Mama war es nicht, Papa war es", schilderte er die Minuten nach der Rettung. Als er bemerkte, dass der Junge stark blutete und keine Luft mehr bekam, habe er eine kollabierende Lunge vermutet. Das Kind, sagte er, habe er sofort zum Notarzt gebracht. "Der Junge wollte mich nicht mehr loslassen, er wollte, dass ich bei ihm bleibe", erzählte der Feuerwehrmann. "Das war sehr bewegend."

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