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Reinhold Schulz

Liebeserklärung an Russlanddeutsche

  • Karola Schepp
    VonKarola Schepp
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Gießen (bf). Reinhold Schulz kennen viele Russlanddeutsche als »Papa Schulz«. Seit 1990 lebt er, nach seiner Ausreise aus der Sowjetunion, in Gießen und schreibt nicht nur über sein bewegtes Leben, sondern auch über das, was Russlanddeutsche bewegt, zahlreiche Bücher und Erzählungen. So ist von ihm der Band »Zugvögel« erschienen, den er im Selbstverlag herausgebracht hat und der nun in deutscher Übersetzung vorliegt.

In »Zugvögel« gibt er nicht nur Einblick in sein eigens Leben, sondern auch in das seiner Vorfahren und Verwandten. Auf fast 300, reich mit Aufnahmen aus seinem Familienalbum bebilderten Seiten kann man nachlesen, welche teils traumatischen Erfahrungen diese Menschen machen mussten und wie sehr diese ihr Leben geprägt haben - ein Einblick in die Welt der Russlanddeutschen, die in Russland als Fremde betrachtet wurden, und von denen sich viele auch in Deutschland, der Heimat ihrer Vorfahren, nicht gänzlich zu Hause fühlen.

Den Toten und Lebenden gewidmet

In den Geschichten geht es um die Frage welche Art Seele der Autor hat, eine russische oder eine deutsche. Das Buch, geschrieben in Russisch und im vergangenen Jahr ins Deutsche übersetzt, ist wie der Autor selbst formuliert »eine Liebeserklärung« an die Russlanddeutschen - »gewidmet den Lebenden und den Toten«.

Der Ton im Buch ist für westliche Lesegewohnheiten eher ungewohnt sentimental. Die Übersicht zu behalten über die verwandtschaftlichen Querverbindungen der Protagonisten nicht immer ganz leicht. Schulz erzählt sehr detailreich von dem, was ihm und seiner Familie widerfahren ist: Von der Urgroßmutter, die anlässlich ihres Geburtstages vom Leben in den deutschen Kolonien in der Nähe von Dnepr berichtet, von den Sitten und Gebräuchen der damaligen Zeit, aber auch der ersten Deportation im Ersten Weltkrieg. Oder von Trompeter Emil und seiner Frau Emilie, die unter dem »Roten Terror« in den 1930er Jahren Schreckliches erleben mussten. Oder von »Mama Schulz««, die mit ihrem zweiten Mann und den Kindern »entkulakisiert« und nach dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs in den fernen Norden Russlands verbannt worden war. Dort, in der Republik Komi, etwa 2000 Kilometer nördlich von Moskau, wurde Reinhold Schulz am 1. November 1949 geboren und dort lebte er bis 1990, bevor er seinen beiden Töchtern zuliebe nach Deutschland ausreiste und in Gießen blieb.

Seinen eigenen Lebensweg schildert der Autor ausführlich. Er erzählt von seinem Einsatz als Funker im Wehrdienst und als Angestellter der Fluggesellschaft Aeroflot, von seinem Widerstand, in die kommunistische Partei einzutreten, um eine höhere Position erreichen zu können, von den zehn Jahren, in denen ihm sein Wunsch, nach Deutschland zu gehen, verweigert wurde, und von den Anfängen im Westen, in dem seine Diplome nicht anerkannt wurden und er sich mit Hilfsarbeiten durchschlagen musste. Im Glauben fand er Trost. Und Anerkennung im auch humoristischen Schreiben. In russlanddeutschen Kreisen kennt man Reinhold Schulz unter dem Pseudonym »Papa Schulz«, denn 2005 veröffentlichte er seine Sammlung russlanddeutscher Witze in dem Buch »Witze von Papa Schulz«.

Wer ein von Reinhold Schulz signiertes Buch erhalten möchte, kann Kontakt aufnehmen per E-Mail an papa-schulz@gmx.de oder (abends) Tel. 0641/5817226. FOTO: ARCHIV

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