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Liebe in Zeiten lauwarmer Gefühle

  • Karola Schepp
    vonKarola Schepp
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Das Cover von "Allegro Pastell" erinnert mit dem verwaschenen Sechseck und dem zartbeigen Einband an ein Buch der Scientology-Sekte. Am Inhalt kommt, nach übereinstimmender Meinung des Feuilletons, "kein Millennial" vorbei. Am Donnerstagabend zeigte Autor Leif Randt, auf Einladung des Literarischen Zentrums, warum sein Roman derzeit zu Recht viel diskutiert und hoch gelobt wird. Und er erläuterte im Gespräch mit Moderatorin Laura Wagenbach, warum das viele Lob auch manchmal kontraproduktiv sein kann.

Er habe sich mit seinen vorherigen Büchern, die eher in fremden Welten und Galaxien spielen, erst einmal den Freiraum erschreiben müssen, mit "Allegro Pastell" das zu erzählen, was er aus eigenem Erleben kennt, gibt Leif Randt zu. Während er das sagt, sitzt der 37-Jährige mit umgedrehter Basecap und hippen Sneakern auf der Bühne des Prototyp und plaudert lässig mit Laura Wagenbach vom Literarischen Zentrum über sein neues Buch, das von der Kritik mit Lob überschüttet worden ist. Wäre Corona nicht, dann säßen an diesem Abend garantiert wesentlich mehr als die jetzt zugelassenen 25 Besucher mit Abstand und Mundschutz im Raum, um die Lesung zu erleben. Denn Randt ist das, was man einen neuen Star der Literaturszene nennt.

Leif Randt, in Frankfurt-Maintal aufgewachsen und derzeit in Berlin lebend, beschreibt in seinem im Frühjahr erschienenen Roman das Lebensgefühl der Millennials, also jener Menschen, die aktuell in ihren Dreißigern sind. So wie im Buch die erfolgreiche Autorin Tanja Arnheim aus Berlin und der Webdesigner Jerome Daimler, der im Bungalow seiner Eltern in Maintal lebt und mit Tanja - wie er Kind aus einer gutbürgerlichen Familie - eine Fernbeziehung führt.

Ihre Liebesgeschichte schildert Randt in beachtlicher Unaufgeregtheit. Es ist eine Lovestory fernab jedes Dramas, irgendwo im Spannungsfeld zwischen dem, was man sich wünscht, und dem was tatsächlich ist. Die Beiden haben "leicht pathetischen Sex auf der Couch", bestimmt von der Überzeugung, "dass sie nun etwas fraglos Gutes für ihren Geist und ihren Körper taten". Jerome glaubt sogar, "dass sie durch ihren Akt an einer energetischen Verbesserung des gesamten Planeten Erde mitwirkten". In ihrer Welt isst man Sojaschnitzel statt deftigem Hackbraten, seziert Gefühle und Worte und wirft sich die ein oder andere Partydroge ein. Die Liebenden schicken sich Textnachrichten - wie und wie schnell man darauf reagiert, auch das ist Kalkül, keine Bauchentscheidung. Als Überraschung will Jerome seiner Tanja eine in pastell gestaltete neue Homepage schenken und analysiert jede noch so kleine Regung der Geliebten. Das permanente "Zerdenken" ist Marotte dieser Liebenden - und bedingt ihre Einsamkeit in der vermeintlichen Zweisamkeit. Irgendwie ist alles schon okay, aber eben auch nicht mehr.

Permanentes "Zerdenken"

Randt hat für seine Lesung drei Kapitel ausgesucht, die dieses lauwarme Lebensgefühl wunderbar beschreiben. Er erzählt von den bei einem Glas Crémant zelebrierten Face-to-Face-Momenten der Beiden, von einem Ausflug Jeromes mit seinem toughen Freund Bruno in eine der auch real angesagten Frankfurter Kneipen und schließlich vom gemeinsamen Besuch Tanjas und Jeromes auf einer Hochzeit von Freunden. Selbst heiraten, das kommt für dieses Paar aber nicht infrage, auch wenn nie wirklich bezweifelt wird, dass sie sich lieben - aber eben mit diesem Hang zur Unverbindlichkeit und zur permanenten Selbstanalyse.

Einflüsse von außen, so wird auch im Gespräch des Autors mit Laura Wagenbach deutlich, spielen in dieser Lovestory nur dann eine Rolle, wenn sie das Paar unmittelbar persönlich treffen, etwa wenn Jeromes Mutter wegen des Brexit nicht mehr in Portugal so einfach Boule mit ihren Freundinnen spielen kann.

Dass ein Roman, der eine im Prinzip banale Liebesgeschichte erzählt, und das auch noch in einem Ton gedämpfter Unbeschwertheit, wie der Titel "Allegro Pastell" wunderbar assoziieren lässt, dermaßen gehypt wird, scheint auch Leif Randt ein wenig überrascht zu haben. Er berichtet, wie ihn die überschwängliche Rezension in der "Zeit", die den Roman als "perfekte Durchdringung der Gegenwart" feierte, erschüttert habe. So viel Lob erzeuge in der Regel auch automatisch Gegenwind, habe er befürchtet. Doch weit gefehlt. Der erscheint, so wie die Liebe zwischen Tanja und Jerome, eher als laues Lüftchen.

FOTO: ZUZANNA KALUZNA

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