Ein Verweis auf das Elefantenklo darf in der ZEIT natürlich auch nicht fehlen. 
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Ein Verweis auf das Elefantenklo darf in der ZEIT natürlich auch nicht fehlen. 

Zum ZEIT-Artikel "Ohne Glanz und ohne Stil"

Liebe ZEIT, Schluss mit den Gießen-Vorurteilen, bitte!

Die ZEIT widmet der Stadt Gießen einen Artikel und sorgt damit für reichlich Diskussionen in der Stadt. Eine Antwort. 

Sehr geehrte Miriam Dahlinger!

Gießen sei "Ohne Glanz und ohne Stil". So haben Sie dieser Tage Ihren Artikel für die Zeitung "Die Zeit" betitelt und damit auch eine Zeile aus einem Song der Gießener Band OK Kid zitiert. Für Ihren Beitrag zur Artikel-Reihe "Gestrandet in..." hatten Sie gerade einmal zwei Stunden Zeit, die Stadt zu erkunden. Ihr Urteil fiel zwar nicht ganz so schlimm aus, wie es die Überschrift vermuten lässt, aber immerhin eher negativ.

Die größten städtebaulichen Abscheulichkeiten seien hier Kult, schreiben Sie, und natürlich darf der Hinweis auf das Elefantenklo nicht fehlen. Auch das bekannte Büchner-Zitat, der die Stadt als "abscheulich" brandmarkte, wiederholen Sie wie schon so viele vor Ihnen. Nicht auslassen wollen Sie auch den spöttischen Hinweis, dass der "mit liebevoller Abfälligkeit" verwendete Name Schlammbeiser zeige: "Fäkalien sind in Gießen überhaupt ein Thema". Komplett verheerend fällt Ihr Urteil in Sachen Sperrmüll aus: "Den Gießenern scheint das Konzept einer Sperrmüllabfuhr unbekannt. Sie stellen ihre ausrangierten Möbel einfach an den Straßenrand."

Aber immerhin erwähnen Sie lobend, dass die Stadt "von allerschönstem Grau" sei, unter anderem ein Gießkannenmuseum und das Mathematikum habe und die eigentlichen kulinarischen Köstlichkeiten der Stadt im Döner-Pentagon serviert würden. Ach ja: Und aus der Vogelperspektive sei Gießen "gar nicht mal so abscheulich".

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Das alles kann so natürlich nicht unkommentiert bleiben. Eigentlich wäre Ihr Artikel mit den Worten "Ohne Glanz, aber mit Stil" doch viel besser überschrieben gewesen. Denn auch wenn Sie die altbekannten Vorurteile gegen Gießen anführen: Dass Sie auch die schönen Seiten der Stadt zumindest erahnen, scheint klar. Warum dann aber dieses altbekannte – und mit Verlaub schrecklich oberflächliche – Gießen-Bashing und Zitieren von Vorurteilen, die Nicht-Gießen-Kenner leichtfertig einfach so vom Hören-Sagen annehmen? Wenn man Dinge immer wieder unkritisch wiederholt, werden sie dadurch nicht wahrer. Man sollte nicht vergessen, dass Georg Büchners vernichtendes Gießen-Urteil von 1834 stammt, als der Dichter von Depressionen, Liebeskummer und generellem Weltenfrust geplagt war. Es hätte wohl nur wenige Städte gegeben, die ihn damals hätten aufheitern können. Und dass auch in anderen Städten im Mittelalter die Entsorgung der Fäkalien schwierig war, in Gießen aber das Problem mit den Schlamb-Eisen durchaus clever gelöst wurde, sollte man im Blick haben. Aber das ist eben auch schon lange her. Und heutzutage muss man Sperrmüll nun einmal am Straßenrand abstellen, damit er, nach vorheriger Terminvereinbarung, abgeholt wird. Dass das manch einer für seine illegale Müllentsorgung ausnutzt, geschieht sicher auch andernorts.

Dank seiner Bevölkerung, aber auch seiner nicht ganz einfachen Geschichte ist Gießen mittlerweile eine extrem tolerante Stadt, in der das Zusammenleben mit amerikanischen Soldaten, DDR-Ausreisenden oder in jüngster Zeit mit Flüchtlingen aus aller Welt über viele Jahrzehnte nie zu ernsthaften Problemen geführt hat. Das müssen andere Städte erst einmal so hinbekommen! Mit Ihrem plumpen Hinweis auf Gießens kulinarische Mitte im Döner-Dreieck ist dieser Aspekt nicht einmal annähernd gewürdigt.

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Es gibt Gründe, warum viele Studenten, die eher zufällig oder aufgrund der immer wieder leichtfertig wiederholten Vorurteile gegen Gießen auch schon mal mit Widerwillen in die Stadt kommen, langfristig hier aber gerne bleiben. Unschöne Straßenzeilen, von Geschäftsketten verschandelte Innenstädte oder zu viel Verkehr gibt es auch in anderen Städten. Aber gefühlt bekommt das nur Gießen immer und immer wieder aufs Brot geschmiert. Die die Stadt durchschneidende Autobahntrasse im "Domstädtchen" Wetzlar oder die Trabantensiedlungen im Randbereich des "hippen" Frankfurt – potthässlich, aber bei den Beschreibungen dieser beiden Städte meist keine Zeile wert. Stattdessen wird für Gießen immer nur das Negative beschrieben. Die echten Highlights wie der Schiffenberg, der Botanische Garten, das Gründerzeitviertel an der Wieseck, die unzähligen Grünstreifen von Stadtpark bis Lahnufer, das ungewöhnlich vielfältige Kulturleben, das beispielhaft multikulturelle und studentische Leben – das ist auch Ihnen kaum mehr als einen Nebensatz wert. Schade. Gießen hat so viel auf schnelle Internet-Klicks und höhnische Zustimmung zielende Kritik wirklich nicht verdient.

Vielleicht sollten Sie sich davon bei einem weiteren Besuch in Gießen, der mehr als oberflächliche zwei Stunden einnimmt, einmal ganz unvoreingenommen überzeugen?! Sie sind herzlich eingeladen. Schließlich muss endlich Schluss sein mit dem ständigen Nachplappern von Vorurteilen. Nur wer unvoreingenommen und genau hinschaut, sollte sich ein Urteil erlauben.

Mit freundlichen Grüßen, Karola Schepp

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