Liebe, Leid und Edelmut

  • Manfred Merz
    vonManfred Merz
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Weber, Mahler, Bruckner. Bis ins Herz der Romantik dringt das Sinfoniekonzert im Stadttheater vor. Gastdirigent Lutz Rademacher setzt auf Präzision und emotionalen Wohlklang.

Sie gehört zu den schönsten Epochen orchestraler Musik: die gefühlsbetonte Romantik. Liebe, Leid und Edelmut sind klangmalerisch immer dabei, wenn in großer Besetzung aufgespielt wird, in diesem Fall vom Philharmonischen Orchester Gießen und seinen Gästen. Am Pult steht Lutz Rademacher. Der Generalmusikdirektor am Landestheater Detmold dirigiert zum ersten Mal im Stadttheater. Er präsentiert am Dienstag Werke von Carl Maria von Weber, Gustav Mahler und Anton Bruckner.

Den Auftakt bildet die Ouvertüre zu Webers heroischer Oper "Euryanthe". 1823 uraufgeführt, idealisiert sie klanglich das Rittertum. Richard Wagner zitiert später thematisch daraus in seinem "Lohengrin". Rademacher hält das Orchester mit leichter Hand auf Kurs, setzt wenig Akzente, belässt die Musik lieber in einem langen, ruhigen Fluss.

Spätromantischen Herzschmerz verströmen Gustav Mahlers vier "Lieder eines fahrenden Gesellen". Hausbariton Grga Peroš interpretiert den von einer unglücklichen Liebe Mahlers und den "Wunderhorn"-Liedern Clemens Brentanos und Achim von Arnims inspirierten Zyklus. Mahlers eigene Texte konterkarieren aufgrund ihrer lautmalerischen Naivität die Musik. Peroš arbeitet mit seinem sonoren Bariton den lyrischen Charakter der Stücke feinfühlig heraus, formuliert die Wendungen bei guter Textverständlichkeit sauber aus und hat in den Forte-Passagen seine intensiven Momente, wenn sein "O weh!" des dritten Liedes "Ich hab ein glühend Messer", und zwar in der eigenen Brust, die unerfüllte Liebe zum klagenden Ausdruck bringt. Rademacher sorgt mit der Vielzahl der Motive im Orchester für bewegende Augenblicke, die er gekonnt in Szene setzt.

Nach der Pause Bruckner. Die epochale Klangwelt dieses impulsiven Romantikers steht im krassen Gegensatz zum ländlich-naiven Wesen des Komponisten. Bei der monumentalen 7. Sinfonie E-Dur sitzen mehr als 60 Musiker auf der Bühne des Großen Hauses. Warum Rademacher mit zehn zweiten Geigen aufspielt, aber bei den ersten Geigen dann nicht auf das erwartete Dutzend kommt, sondern mit ebenfalls zehn ersten Geigen vorlieb nimmt, bleibt das pekuniäre Geheimnis des Stadttheaters.

Bruckners Siebte wurde 1884 in Leipzig uraufgeführt. Zum ersten Mal in seiner Karriere nahm der damals 60-jährige Tondichter an diesem Werk im Nachhinein keine Korrekturen vor. Das hatte er bei den sechs vorangegangenen Sinfonien stets getan, wohl auch, weil seine Schüler ihn dazu drängten. Die Trauer über den Tod seines großen Vorbilds Richard Wagner soll am Ende des zweiten Satzes zu hören sein.

Das Orchester im Stadttheater trumpft in der Sinfonie mit großer Geschlossenheit auf. Präzision heißt Rademachers Verbündete. Besonders im pulsierenden Scherzo verzahnt der Dirigent Bläser und Streicher zu einer prächtigen Einheit, die selbst den letzten Winkel des Großen Hauses mit sattem Sound auskleidet. Am Ende gibt es vom Publikum ausführlichen Applaus für die einzelnen Instrumentengruppen, besonders für die vier eigenwilligen Wagnertuben, die der Opernschöpfer für seinen "Ring des Nibelungen" bauen ließ.

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