Die Lichter hängen schon, leuchten werden sie erst am morgigen Freitag. FOTO: FRIEDRICH
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Die Lichter hängen schon, leuchten werden sie erst am morgigen Freitag. FOTO: FRIEDRICH

Gießener Fußgängerzone

Lichtermeer soll Gießener City-Weihnacht retten

  • Christoph Hoffmann
    vonChristoph Hoffmann
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Der Weihnachtsmarkt in Gießen fällt aus, es lebe die Weihnachtsbeleuchtung. Mit einem Lichtermeer wollen die BID-Vereine in der Fußgängerzone für adventliche Stimmung sorgen.

Andreas Weber schwebt über den Köpfen der Passanten. Mit seiner Hubarbeitsbühne hat er sich in sechs Meter Höhe manövriert, um Kabel an den Hauswänden zu befestigen. Immer wieder bleiben die Menschen auf dem Seltersweg stehen und beobachten den Elektrohandwerksmeister bei seiner Arbeit. Oft haben sie ein Lächeln auf den Lippen. Der Anblick erinnert sie daran, dass die Fußgängerzone bald in ein besinnliches Licht getaucht wird. Denn Weber installiert die Weihnachtsbeleuchtung. Ein Job, den er schon seit mehr als zehn Jahren erledigt.

Um Weihnachten ist ein Streit entfacht. Manche fürchten, die Zusammenkünfte könnten eine weitere Welle der Pandemie auslösen. Für andere ist die Aussicht auf ein besinnliches Fest im Kreise der Familie ein Lichtblick. So oder so: Weihnachten wird sich in diesem Jahr anders anfühlen.

Seit 15 Jahren von den BIDs finanziert

Das denkt auch Heinz-Jörg Ebert. Umso mehr freut sich der Vorsitzende des BID Seltersweg auf die Weihnachtsbeleuchtung in der Fußgängerzone. Und das aus mehreren Gründen. "Das Lichtermeer spiegelt in diesen dunklen Tagen vertraute Emotionen wieder, die auch Freude machen." Zum anderen sei die Beleuchtung auch ein Zeichen des Zusammenhalts. "Die geschlossene Gemeinschaft der Eigentümer und des Handels kann etwas auf die Beine stellen und Zeichen setzen", sagt Ebert. Schließlich würden Aufhängung, Abhängung, Lagerung, Modernisierung, Austausch und Wartung sowie die Stromkosten seit 15 Jahren von den BIDs finanziert.

Vor 2005 war das noch anders. Das Thema sorgte regelmäßig für Krach. Damals war die Beteiligung an den Kosten freiwillig, wie Ebert erinnert. "Wenn ich an diese Zeiten denke, wird mir schlecht." Habe sich ein Anlieger nicht an der Finanzierung der Lichterkette beteiligt, seien die Glühbirnen vor seinem Laden einfach herausgedreht worden. Ebert kann bei der Erinnerung nur mit dem Kopf schütteln. "Wie peinlich das damals war."

Wenn am Freitag die Lichter erleuchten, besteht diese Gefahr nicht. Vielmehr herrscht die Hoffnung, mit der besinnlichen Atmosphäre die Weihnachtseinkäufe anzukurbeln. Der Einzelhandel hat es bitter nötig.

Durch die Pandemie sind die Umsätze in der Fußgängerzone stark zurückgegangen. Die Händler haben daher schon frühzeitig das Weihnachtsgeschäft als Hoffnungsschimmer ausgegeben. Die Weihnachtsbeleuchtung leitet diese existenzielle Phase offiziell ein.

Weber kann an diesem Mittwochvormittag nicht durch die Einkaufsstraßen flanieren. Die Zeit für besinnliche Gedanken hat er ebenfalls nicht. Bis zum nächsten Abend muss er alle Lichterketten und Leuchtsterne angebracht haben. "Es gibt noch einiges zu tun", sagt der Elektrohandwerksmeister und steuert seinen Hubwagen zur nächsten Stelle. In sechs Metern Höhe angekommen, steckt er ein Kabel in eine Steckdose, die an der Fassade installiert ist. Von hier aus führt er es durch bereits angebrachte Haken einige Meter weiter und spannt es dann quer über den Seltersweg. Bei mehreren Kilometern Lichterkette ist das Akkordarbeit.

Die Situation am Boden erschwert die Arbeit. Weber muss nicht nur an den vielen Lieferwagen vorbeimanövrieren, sondern auch die Passanten im Blick behalten. "Es ist schon vorgekommen, dass Leute gegen den Wagen gelaufen sind, weil sie auf ihr Handy geschaut haben", sagt Weber kopfschüttelnd. Nicht selten hätte er sich dann auch noch einen Rüffel anhören müssen. Viel häufiger jedoch würden sich die Leute bei ihm bedanken. "Die meisten Menschen freuen sich, dass wir die Beleuchtung anbringen."

Dazu gehört auch Ebert. Der BID-Vorsitzende betont aber, sich dieses Jahr auch auf das Ende der Beleuchtung zu freuen. "Wenn die Lichterketten Anfang kommenden Jahres wieder abgehängt werden, hängen wir damit hoffentlich auch das Jahr 2020 ab. Zumindest die dunkleren Erinnerungen daran."

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