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Lichtblicke nach tiefer Trauer

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Von: Barbara Czernek

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Isabel Bogdan liest aus ihrem Roman »Laufen«. © Barbara Czernek

Gießen (bac). »Ich kann nicht mehr« - Mit diesem Satz beginnt das Buch »Laufen« von Isabel Bogdan. Es ist keinesfalls eine Trainingsanleitung, auch wenn der Titel diese Vermutung vielleicht nahelegt. Der Roman schildert die Trauerbewältigung seiner weiblichen Protagonistin in allen Schattierungen. Isabel Bogdan war am Mittwochabend Gast im Literarischen Zentrum Gießen und gab Einblicke und in ihre Arbeitsweise und Auskunft zu den Hintergründen des Romans in einem Gespräch mit der stellvertretenden Vorsitzenden des LZG, Christina Hohenemser.

Das 208 Seiten starke Buch ist ein einziger innerer Monolog der Protagonistin, die sich nach einem Jahr der Erstarrung nach dem Tod ihres Lebenspartners aufrafft und buchstäblich wieder ins Leben zurück läuft. Dabei kann und darf sie allen Gefühlen und Gedanken freien Lauf lassen, auch die Wut über die Eltern ihres Partners, die sie als seine Gefährtin ignorieren, »weil sie nicht verheiratet waren«, sie darf auch wütend über ihren Partner sein, der sich inmitten einer Depression das Leben nimmt. Für diesen Weg hat die Autorin eine eigene Sprache und Dynamik gefunden, indem sie sehr sparsam mit der Interpunktion arbeitet. Die Gedankensätze reihen sich wie Perlen, nur durch Kommata getrennt, aneinander. Mit großer Feinfühligkeit beschreibt sie die Stimmungslage eines Trauerwegs, der positiv, aber ohne Kitsch, endet.

Sie habe sehr viele positive Reaktionen erhalten, erzählte die Autorin. »Endlich gibt jemand uns eine Stimme« - dies sei ein Beispiel von vielen, erzählte sie gut gelaunt vor vollbesetzten Reihen, denn erstmals waren die Abstandsbeschränkungen aufgehoben und entsprechend voll war der Saal. Die Grundidee basiert auf ihrer Kurzgeschichte mit dem gleichen Titel. »Ich wollte ausprobieren, ob der Rhythmus des Laufens sich auf eine Geschichte übertragen lässt und ob das wiederum eine ganze Geschichte trägt«. Entsprechend unruhig beginnt der Roman und endet dem Muster folgend weitaus entspannter. Er wirkt ungemein genau durchkomponiert, darauf wies die Moderatorin hin. Allerdings sei die Herangehensweise nicht so systematisch durchdacht. »Wenn ich mich an den PC setze, dann habe ich zunächst keinen Plan.« Im Gegensatz zu vielen anderen Kollegen habe sie zu Beginn des Schreibens kein Baukasten-System im Kopf. »Meine Figuren entwickeln sich im Laufe der Zeit von selbst.« Daher arbeite sie nicht stringent am Handlungsstrang, sondern verschiebe auch gerne und häufiger ganze Passagen, bis es stimmig ist. »Bei diesem Buch kam ich irgendwann zu dem Punkt, dass ich eine Liste anlegen musste, um nicht den Überblick zu verlieren.«

Die Handlung sei nicht autobiografisch motiviert, allerdings habe sie in den Part des Laufens sehr viel von sich hineingelegt. Beim Schreiben habe sie sich jedoch eine andere Figur vorgestellt. die äußerlich eigentlich nichts mit der Autorin selbst gemein hat: »Ich stellte mir eine Person vor, die klein, zierlich ist und braune Haare hat. Man kommt dieser Person un den ihren Gedanken ja wirklich sehr nahe, daher war das von mir bewusst so erdacht worden.«

Vom ZDF mit Anna Schudt verfilmt

Mittlerweile wurde der Roman 2021 vom ZDF verfilmt. Bogdan war allerdings sehr erstaunt als sie erfuhr, dass die Hauptdarstellerin mit Anna Schudt besetzt wurde. »Sie macht das wunderbar. Ich bin wirklich begeisert«, kommentierte die Autorin. »Allerdings ist sie das Gegenteil dessen, was ich mir in meinem Kopf vorgestellt hatte«, denn sie ähnelt optisch doch mehr dem Erscheinungsbild der Autorin. Der Film wird in der Reihe »Der Fernsehfilm der Woche« zu sehen sein. Ein Sendetermin noch nicht fest.

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