Mitten im zerstörten Gießen (hier der Marktplatz), schlug am 8. Januar 1946 in der Südanlage die Geburtsstunde der Gießener Freien Presse.
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Mitten im zerstörten Gießen (hier der Marktplatz), schlug am 8. Januar 1946 in der Südanlage die Geburtsstunde der Gießener Freien Presse.

Vor 75 Jahren

Lichtblick zwischen Trümmern: So war das Leben in Gießen zur Geburtsstunde der »Allgemeinen«

  • Karen Werner
    vonKaren Werner
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Die erste Ausgabe der Gießener Freien Presse vor 75 Jahren wird den Machern förmlich aus den Händen gerissen. Die Mission der Zeitung: Sie leistet einen Beitrag zum Aufbau der Demokratie.

Gebrauchte Kleider und ein Deckbett von älterem Herrn (fliegergeschädigt) zu kaufen gesucht.« »Studienrat, verh., sucht dring. möbl. Zimmer mit 2 Betten und Küchenbenutzung«. 8. Januar 1946. Acht Monate zuvor ging der Zweite Weltkrieg mit Deutschlands Kapitulation zu Ende. Die Stadt Gießen liegt in Trümmern, es mangelt an allem. Doch immerhin: Man kann wieder Kleinanzeigen veröffentlichen. Denn vor 75 Jahren erscheint die erste Ausgabe der Gießener Freien Presse, wie die Gießener Allgemeine Zeitung zunächst heißt.

Papier ist knapp. Die sechs dicht bedruckten Seiten enthalten eine Grußadresse des Oberbürgermeisters Karl Dönges: »Mit Sehnsucht haben wir den Augenblick erwartet, wo wir in Gießen unsere eigene Zeitung haben.« Die zwei Ausgaben wöchentlich in einer Auflage von 20 000 Exemplaren werden den Machern aus den Händen gerissen. Der Vertrieb erfolgt per Post, das Monatsabonnement kostet 1,50 Reichsmark plus zwölf Pfennig Zustellgebühr.

2. Januar 1946: Julius Hahn und Adolf Weller erhalten die Lizenz für die „Freie Presse“

Informieren können sich die Gießener in der unmittelbaren Nachkriegszeit über Aushänge oder das Radio. Die Vorkriegszeitung Gießener Anzeiger bleibt - wie andere von den Nazis »gleichgeschalteten« Medien - bis 1949 verboten.

Die amerikanische Militärregierung vergibt neue Lizenzen zunächst nur an Menschen, die keine Nazis waren. In Gießen erhalten am 2. Januar 1946 zwei Männer den Zuschlag, die im Dritten Reich verfolgt waren: Julius Hahn, ein aus der Emigration zurückgekehrter Jude, ist für die Redaktion zuständig; Adolf Weller für den technischen Betrieb. Ihren politischen Auftrag macht der US-Presseoffizier David M. Easterday deutlich: »Die Militärregierung versucht, das in den vergangenen Jahren unterjochte deutsche Volk wieder zu selbständigen Menschen zu erziehen und es der Demokratie näher zu bringen. ... Das Sprachrohr dazu ist die Presse.«

Nach der Gründung der „Freien Presse“ geht es schnell bergauf

Die allererste Zeitung bietet neben Informationen etwa zu den Nürnberger Prozessen vor allem Orientierung. Die Botschaft: In den zwölf Jahren unter Hitler haben sehr viele Deutsche Schuld auf sich geladen, ihr aktuelles Elend haben sie sich selbst eingebrockt. Im Leitartikel mahnt Hahn: »Deutschland hat moralisch und ethisch Schiffbruch erlitten. Diese Tatsache ist schwerwiegender als der verlorene Krieg.«

In 20 Anzeigen suchen Familien verschollene Angehörige. Gewerbliche Inserate stammen beispielsweise von einer Wiese-cker Zigarettenfabrik, die »Tabak-Kleinpflanzer« um ihre Ernte bittet.

Es geht rasch bergauf mit der Zeitung. Am 20. Juli 1946 erscheint eine Erklärung »An unsere Leser!«: »Die Papierlage ist noch nicht so günstig, daß jeder, dessen Wunsch es wäre, Abonnent der GFP werden kann... Wir haben bereits 4000 Anmeldungen ... vorliegen.«

Im Juni 1948 übernimmt Dr. Hans Rempel die Zeitung

An Lesern mangelt es also nicht. Dafür gibt es Probleme mit den Zeitungsmachern. Nach wenigen Monaten schrumpft im Zeitungstitel das Wort »Gießener«. Es stellt sich heraus: Der Chefredakteur strebt heraus aus der Provinz und hofft, aus der GFP allmählich eine Frankfurter Zeitung zu machen. Die Amerikaner entziehen ihm im Oktober 1946 die Lizenz. Nachfolger wird Ludwig Lewy. Der überzeugte Kommunist schreibt gehässig über die Bevölkerung und ändert spätabends die Artikel seiner Redakteure. Zu einer Protest-Podiumsdiskussion des »Gießener öffentlichen Forums« im März 1948 kommen 700 Interessierte. Sie verabschieden eine Resolution: »Die GFP gefährdet durch ihre unsachliche Berichterstattung die Grundlagen unseres demokratischen und friedliebenden Staates, zu dem wir uns nachdrücklich bekennen. Das Forum bittet die Militärregierung, diesem Zustande Abhilfe zu schaffen.«

Der Appell fällt auf fruchtbaren Boden. Im Juni 1948 wird Dr. Hans Rempel (1904 - 2004) neben Adolf Weller neuer Herausgeber. Sein erster Leitartikel rückt wiederum die Nazi-Zeit in den Fokus und nimmt »Mitläufer« in die Pflicht: »Es ist psychologisch verständlich, daß viele intelligente und tüchtige Deutsche nicht zu ihrer Verantwortlichkeit stehen wollen. Sie leugnen ihre Verflechtung in das deutsche und europäische Schicksal. Aber vergebens.«

Umbenennung 1966: Die „Gießener Allgemeine Zeitung“ entsteht

Hans Rempel, der auch Geschäftsführer der Mittelhessischen Druck- und Verlagsgesellschaft wird, bringt das Unternehmen auf Erfolgskurs. Ab August 1948 gibt es sechs Aus-gaben wöchentlich. An Silvester 1949 erscheint die GFP erstmals im Umfang von 24 Seiten. 1966 wird sie in Gießener Allgemeine Zeitung umbenannt. Die Bezeichnung »Freie Presse« klingt mittlerweile zu sehr nach DDR.

1975 übernimmt Dr. Christian Rempel das Ruder und übergibt es 2013 als unangefochtene Nummer eins in Mittelhessen. an seine Söhne Dr. Jan Eric Rempel und Dr. Max Rempel.

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