Der stellvertretende Dekan, Pfarrer Andreas Specht (r.), hat Michael Paul ein Sonnenglas mitgebracht.	FOTO: CSK
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Der stellvertretende Dekan, Pfarrer Andreas Specht (r.), hat Michael Paul ein Sonnenglas mitgebracht. FOTO: CSK

Licht und Zweifel

  • VonChristian Schneebeck
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Gießen (csk). Ohne den Zweifel bleibt der Glaube hohl. Wie gut also, dass Michael Paul immer wieder gezweifelt hat. Mittlerweile ist der gelernte Buchhändler seit 25 Jahren Pfarrer, gut 19 davon in der Gießener Johannesgemeinde. Am Samstagmittag predigt er vor nur gut einem Dutzend Menschen in der Johanneskirche - und vor zwei Videokameras. Corona macht’s nötig, dass der Gottesdienst und die anschließende Feier zu Pauls Jubiläum aufgezeichnet werden. Der Pfarrer interpretiert in der Predigt das Weinberg-Gleichnis des Propheten Jesaja, aus dem auch sein Ordinationsspruch stammt. Und er fragt angesichts der scheinbar endlosen Pandemie: »Hat sich Gott zurückgezogen aus unseren Gemeinden, seinen Segen uns entzogen?«

Nein, hat er nicht, heißt die Antwort. In der biblischen Geschichte pflanzt Gott einen neuen Weinstock, als die alten keine Früchte tragen. Jesus Christus, der der Welt den Segen bringe, sei »auch nicht durch Viruskrisen kaputt zu kriegen«, sagt Paul. »Nicht einmal durch eine Kirche, die tausend Mal Liebe versäumt und sogar die ihnen anbefohlenen Kinder, Frauen und Schwachen missbraucht.« Kritische Worte findet der Jubilar ebenso zum eigenen Handeln in der Pandemie. Er bedauert, sich nicht früher und stärker für Präsenzgottesdienste in der Gemeinde unter allen Hygienevorkehrungen eingesetzt zu haben. »Verzeihen Sie mir, dass ich zu spät erkannte, wie sehr wir gerade in Corona-Zeiten das Abendmahl brauchen«, bittet er die Zuschauer.

Szene für Szene im Kasten

Ringsum wirkt die Atmosphäre wie in einem überdimensionierten TV-Studio. Szene für Szene bringen Paul, Pfarrer Matthias Weidenhagen von der Lukasgemeinde und Vikarin Mirjam Sauer nacheinander »in den Kasten«. Später wird noch die Musik von Peter Herrmann und Dago Schellin zwischen die einzelnen Sequenzen geschnitten. Ausgerechnet bei zwei besonders routinierten Aufgaben verhaspeln sich die Geistlichen: Um das Glaubensbekenntnis sowie die Fürbitten samt Vaterunser zu drehen, braucht es deshalb zur allgemeinen Erheiterung der Anwesenden jeweils zwei Versuche.

Als kritischen Geist würdigt Pfarrer Andreas Specht seinen Kollegen dann während der kleinen Feier. Der 59-jährige gebürtige Gießener Paul absolvierte das Vikariat von 1993 bis 1995 in Winnerod, ehe er 1996 in Fernwald-Albach ordiniert wurde.

Auf Stationen in Kleinlinden, Heuchelheim und Ober-Widdersheim sowie in der Klinikseelsorge folgte im Herbst 2001 der Wechsel in die Johannesgemeinde. Ferner ist Paul heute Religionslehrer an der Weißen Schule in Wieseck und Seelsorger in drei Gießener Altenheimen.

Paul speichert Licht und gibt es weiter

Als Geschenk überreicht Specht dem Jubilar neben der Urkunde noch ein Sonnenglas. Es besitze eine Fähigkeit, die auch Paul auszeichne, erklärt er. Das Glas speichert Licht und gibt es weiter. Weidenhagen dankt dem »Kollegen und Freund« mit einem Restaurantgutschein und betont, Corona habe »noch enger zusammengeführt«. Vom Kirchenvorstand gibt es einen Blumenstrauß und ein Fotobuch. »Es bedurfte einiger kleiner Anstöße, um mich zum Wagnis eines Theologiestudiums zu ermutigen«, erinnert sich Paul. Dass diese Entscheidung richtig war, steht längst fest. Ohne Zweifel.

Die Aufzeichnung des Gottesdienstes und der Feier zu Michael Pauls 25. Ordinationsjubiläum aus der Johanneskirche ist online abrufbar unter www.johannesgemeinde-giessen.de.

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