Die Klinikseelsorgerin Eva-Maria Lorenz in der Kapelle des UKGM. Von hier wird der Weihnachtsgottesdienst in die Zimmer übertragen. FOTO: SCHEPP
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Die Klinikseelsorgerin Eva-Maria Lorenz in der Kapelle des UKGM. Von hier wird der Weihnachtsgottesdienst in die Zimmer übertragen. FOTO: SCHEPP

Ein Licht in dunklen Zeiten

  • Christine Steines
    vonChristine Steines
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Wer im Krankenhaus liegt, ist immer in einer Ausnahmesituation. Im Jahr der Pandemie sind die Ängste stärker denn je. Die Patienten sind verunsichert, Pflegekräfte und Ärzte an den Grenzen ihrer Kraft. Klinikseelsorger erleben berührende Momente von Schmerz, Trauer, Hoffnung, Liebe. Und entzünden ein Licht in dunklen Zeiten.

Die Altarkerze brennt. Jesus bringt das Licht in die Welt, symbolisiert sie im Christentum. In der Kapelle des UKGM leuchten im Weihnachtsgottesdienst drei weitere Lichter: Für die Patienten, für die Angehörigen, für die Beschäftigten, schildert Eva-Maria Lorenz. Die Pfarrerin gehört dem Team der Klinikseelsorge an. Am Gottesdienst selbst werden keine Besucher teilnehmen können, aber er wird in den Stationen auf die Bildschirme an den Krankenbetten übertragen. Ein Licht im Dunkeln.

Wer im Krankenhaus arbeitet, ist es gewohnt, auch an Feiertagen im Dienst zu sein. Aber in diesem Jahr ist alles anders, die Pandemie konfrontiert jeden noch einmal neu mit Leid, Sterben und Tod.

Gerade in den letzten Wochen, seit sich die Situation aufgrund steigender Infektionszahlen dramatisch zuspitzt, ist die Belastung groß - die körperliche und die seelische. "Die Pflegekräfte leisten oft auch Seelsorge, sie sind es ja, die Patientinnen und Patienten täglich erleben und begleiten", sagt Lorenz. Ein gutes Wort und ein Lächeln bewirken viel. Doch was ist, wenn diejenigen, die Mut zusprechen, selber mutlos werden? Wenn es einfach zu viel Last ist, die man auf den Schultern trägt? Wenn die Angst wächst, es könne immer noch schlimmer werden?

Die Pfarrerin weiß, wie schwierig das ist. Die 62-Jährige ist seit vielen Jahren Klinikseelsorgerin, sie liebt diesen Beruf, der schön und schwer zugleich ist. "Er ermöglicht mir intensive Begegnungen. Die Menschen sprechen das aus, was sie im Innersten bewegt. Daran teilhaben zu dürfen, ist bewegend und kostbar", sagt sie.

Die Klinikseelsorge ist offen für alle Patienten, für Angehörige, für Mitarbeiter. Die Bandbreite dessen, was die Seelsorger bei ihren Besuchen erleben, ist folglich groß. Manchmal hilft es, einfach nur da zu sein, schildert Lorenz. Ein ruhender Pol für die Familie, die eine schlimme Nachricht erhalten hat, die nach dem Unfall oder Tod eines geliebten Menschen aufgelöst, verzweifelt und schockiert ist.

Manchmal tut es einem Menschen gut, seine Hand zu halten, seine Stirn oder seinen Arm zu berühren. Diese Nähe war in diesem Jahr nicht möglich, die Seelsorger mussten aussprechen, was sonst eine Geste vermag: "Sie sind nicht allein. Ich schließe Sie in meine Gebete ein."

Der Segen, ein Gebet, ein Psalm, das alles kann Trost sein, ebenso ein Gespräch über "Gott und die Welt" oder gemeinsames Schweigen. Die Seelsorger, die Covid-Patienten besucht haben, berichten von deren Ängsten, aber auch von großer Dankbarkeit, wenn sie von der Intensiv- auf die Normalstation verlegt wurden.

Eine schwere Erkrankung, schildert die Pfarrerin, macht Menschen verletzlich, verwundbar an Körper und Seele.

Im Krankenbett wird Vieles, was zuvor wichtig erschien, klein und unbedeutend. Die Patienten konzentrieren sich auf das Wesentliche in ihrem Leben. Das ist auch der Grund, warum die Gespräche mit der Seelsorgerin in kurzer Zeit so intensiv werden. Sie erzählen ihre Lebens- und/oder Glaubensgeschichte, sie sagen, was sie bedrückt, was sie noch klären oder vielleicht auch endlich ruhen lassen möchten. Diese Offenheit und auch Spiritualität spüre man sonst selten bei Menschen, die einander fremd seien. Die Rolle der Seelsorger sei dabei Anteil nehmend, zuhörend, Trost spendend, aber niemals beratend oder wertend.

Die Seelsorger werden in den Krankenhäusern Zeugen ganz besonderer Momente - oft tieftraurig, aber gleichzeitig berührend und von großer Bedeutung im Leben der Menschen: Wenn die Familie zur Nottaufe eines Säuglings zusammenkommt oder wenn ein unheilbar kranker Mensch in seiner letzten Phase den geliebten Menschen heiratet. "Solche Augenblicke tragen bei aller Trauer auch Hoffnung in sich", sagt die Pfarrerin. Ein Licht im Dunkeln.

Im Sommer ist die Ehefrau eines Patienten gestorben, während er in der Klinik lag. Eine tragische Situation. Die Station ermöglichte es dem Mann, an der Beerdigung teilzunehmen. Ein Krankenpfleger begleitete den Trauernden, sodass er sich am Grab verabschieden konnte.

Man kann es Mitmenschlichkeit nennen oder Seelsorge. Auch das ist ein Licht im Dunkeln.

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