Dirigent Jan Hoffmann kann wieder auf die bewährte und stimmgewaltige Kombination von Chor und Extrachor des Stadttheaters mit der Wetzlarer Singakademie, dem Gießener Konzertverein und dem Philharmonischen Orchester bauen. (Foto: Archiv/Wegst)
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Dirigent Jan Hoffmann kann wieder auf die bewährte und stimmgewaltige Kombination von Chor und Extrachor des Stadttheaters mit der Wetzlarer Singakademie, dem Gießener Konzertverein und dem Philharmonischen Orchester bauen. (Foto: Archiv/Wegst)

Letztes Sinfoniekonzert der Saison mit Chormusik

Beeindruckend war der Blick auf Felix Mendelssohn Bartholdys Chorschaffen am Dienstagabend im Stadttheater. Zwei hier noch nicht aufgeführte Werke – Tage zuvor bereits in Wetzlar-Niedergirmes zu hören – lockten nicht nur Abonnenten der Sinfoniekonzert-Reihe ins Große Haus.

Romantische Musik ist rein von ihrer Harmonik her angenehm fürs Ohr und ebenso für Sänger, birgt doch die Einstudierung keine extremen Schwierigkeiten. Umso intensiver können sich die Interpreten mit dem Ausdruckspotenzial auseinandersetzen. Dass diese Arbeit unter der Anleitung von Chordirektor Jan Hoffman auf gewohnt hohem Niveau realisiert wurde, ließ sich bei Mendelssohn im Doppelpack genießen. Das 10. und letzte Sinfoniekonzert der Saison wurde von der Kantate op. 42 für Sopran, gemischten Chor und Orchester eingeleitet. Der Text des 42. Psalms in Martin Luthers Übersetzung, "Wie der Hirsch schreit nach frischem Wasser, so schreit meine Seele, Gott, zu dir" gibt in Arien, Rezitativen und Chören Sehnsucht und Trost des inbrünstig nach Gott suchenden Menschen wieder. Der Komponist schrieb das knapp halbstündige, vom Kollegen Robert Schumann hochgelobte Opus 1837/38 nach seiner Heirat mit der Pfarrerstochter Cécile Jeanrenaud. Zwischen liturgischem Werk und (opernhaftem) Konzertstück angesiedelt, beginnt es mit sanft schwingender Orchestereinleitung; dem Zwischenruf "Harre auf Gott" verlieh der Chor zunehmend starke Signalwirkung. Ansprechend der Dialog von Oboe und Sopran in der Arie "Meine Seele dürstet".

Eine Klimax im musikalischen Aufbau bot das Quintett, in dem Chor und Sopransolo kunstvoll miteinander verbunden agierten, sowie der Schlusschor mit einer Fuge; Bach lässt hier grüßen. Dynamische Schattierung in den Chören, lebhaft-expressive Gestaltung durch die Sopranistin Naroa Intxausti und runder Orchesterklang gefielen.

Intxausti mit ihrem hellen, lebhaften Timbre harmonierte gut mit den beiden weiteren Solistinnen des Abends in der melodramatischen Erzählung von mörderischem Treiben: Natascha Jung mit weichem, ausgewogenem Sopran und Charlotte Quadt mit kraftvollem Mezzosopran sorgten für ausdrucksvolle Farben in Mendelssohns "Athalia" op. 74 nach Texten von Racine. Die Seidenroben der Solistinnen in Zyklam, Altrosa und Moosgrün brachten überdies ein Fest fürs Auge auf die Konzertbühne. Auf der anderen Seite der Rampe erzählten die Schauspieler Roman Kurtz und Petra Soltau die Handlung in klassischer Sprache des 19. Jahrhunderts – hier hätte der Vortragsstil sogar mehr Pathos im Sinne Devrients vertragen.

Was in dieser vielschichtigen, bilderreichen Schauspielmusik nur noch zu fehlen schien, das war das tänzerisch-pantomimische Element. Doch auch so bot sich ein assoziationsreiches Hörbild der alttestamentarischen Geschichte um die machtgierige Königin Athalia, die Jahwes Anhänger niedermetzeln ließ, um den Baalskult durchzusetzen. Hier taucht bedeutsam in Musik und Text immer wieder ein Symbol für den siegreichen Monotheismus auf: der weiß gewandete "priesterliche Knabe", Todesengel in den Albträumen der Athalia. Es ist Joas, der das Massaker überlebt hat und nach einer kämpferischen Konfrontation König wird; Athalia fällt durch das Schwert.

Die musikalische Palette bewegt sich zwischen Idyll und kriegerischen Tönen; das Blech spielt dabei eine wichtige Rolle. Ergreifend schöne Instrumentalstellen sind die Vision des himmlischen Jerusalem (Harfe). Bekannte Kirchenchoräle werden zitiert, dramatische Verdichtung stellte sich ein in der Verflechtung beider Sprecher mit Musikpassagen, und ein Höhepunkt war natürlich der triumphale Schlusschor. Der lange, herzliche Beifall belohnte eine Darbietung von überzeugend gestaltetem Spannungsbogen. Olga Lappo-Danilewski

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