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Pssst! Hier wird in Ruhe gelesen. FOTO: CHH

Lesen und gelesen werden

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"Von allen Welten, die der Mensch erschaffen hat, ist die der Bücher die Gewaltigste." Heinrich Heine soll das mal gesagt haben. So gesehen ist die Gießener Stadtbibliothek ein ganz besonders gewaltiger Ort. 125 000 Medien sind hier auf drei Stockwerken verteilt, darunter Sachbücher, Romane, Kinder- und Jugendbücher, fremdsprachige Literatur, Zeitungen und CDs. Heine selbst darf in solch einer illustren Runde natürlich nicht fehlen, in dem Reclam-Heftchen "Deutschland. Ein Sommermärchen" dürften nicht nur Abiturientenhände eifrig geblättert haben.

An diesem Vormittag sind es aber vorrangig ältere Herrschaften, die es sich in der Stadtbibliothek gemütlich gemacht haben. Sie sitzen im hinteren Bereich an den Tischen und lesen Zeitung. Das Angebot reicht von lokaler bis internationaler Presse. So vertieft wie die Männer in ihren Lektüren sind, haben sich die Autoren offenbar an den journalistischen Leitspruch gehalten, den einst der Literaturnobelpreisträger William Faulkner geprägt hat: "Schreibe den ersten Satz so, dass der Leser unbedingt auch den zweiten lesen will."

Wie es sich für eine anständige Bibliothek gehört, ist es an diesem Vormittag mucksmäuschenstill. Allenfalls ein Rascheln der Seiten durchbricht ab und an die Stille. Diese fast meditative Atmosphäre regt dazu an, durch die Gänge zu stöbern. Die großen Nachschlagewerke wie der Brockhaus oder die Encyclopedia Britannica füllen ganze Regale. Früher hatten die dicken Schinken ein Monopol auf die Wissensvermittlung, in Zeiten von Wikipedia und Google vermitteln sie hingegen einen geradezu musealen Eindruck. Was hat Ernest Hemingway noch gleich gesagt? "Ein klassisches Werk ist ein Buch, das die Menschen loben, aber nie lesen."

Gelesen wird in der Stadtbibliothek trotzdem. Nicht nur analog, sondern auch digital. Im ersten Stock sitzt eine Gruppe junger Frauen vor ihren Laptops. Daneben liegen Bücher und mit Textmarkern versehene Blätter. Viel Glück bei der Prüfung!

Ein Stockwerk weiter oben geht es nicht um Fakten, sondern Fiction. Die Sammlung der Romane hat echte Schätze zu bieten. Tipp: Ein herzzerreißendes Werk von umwerfender Genialität. Nicht nur der Titel von Dave Eggers Roman, sondern auch eine treffene Beschreibung. Aber das ist, wie so vieles in der Stadtbibliothek, Geschmackssache. Doch selbst den vermeintlichen Schundromanen lässt sich etwas abgewinnen. Das wusste schon der britische Dramatiker John Osborne: "Auch das schlechteste Buch hat seine gute Seite: die letzte!" (chh)

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