Lernen im eigenen Rhythmus

  • Karen Werner
    vonKaren Werner
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Bisher haben Noelia und Anouk eine ganz normale Grundschule besucht. Urplötzlich gestalten sie den Alltag selbst in ihrer "FC-Bayern- und Peppa-Wutz-Schule". Das Lernen zu Hause hat beide viel selbstständiger gemacht, staunen die Eltern.

Oh je, muss ich jetzt auch noch Lehrerin spielen?" Das war Nadine Beckers erster Gedanke, als sie vor zwei Wochen hörte, dass die Grundschule schließt. Inzwischen hat sie durchaus positive Erfahrungen mit dem Lernen zu Hause gemacht. Ihre Töchter Noelia (10) und Anouk (7) seien in kurzer Zeit "viel selbstständiger geworden", berichtet die Mediengestalterin, die bei der Gießener Allgemeinen Zeitung arbeitet, derzeit von zu Hause aus.

"Ich habe zum Glück sehr fitte Mädels", weiß Nadine Becker. Die Schwestern lernen gern, kommen in der Schule problemlos mit und verstehen sich gut. Schwieriger sei die Fernbetreuung durch die Lehrer für Kinder, die sich mit dem Lernen schwertun; die zu Hause nicht so viel Unterstützung, wenig Platz oder keine Geschwister haben. Doch von Noelias Klassenlehrerin höre sie, dass etliche Familien Ähnliches erleben wie ihre.

Normalerweise ist der Alltag der Familie "durchgetaktet", schildert die 40-Jährige. Bis 15 Uhr sind die Mädchen in der Schule, manchmal müssen sie danach restliche Hausaufgaben machen. Oft geht es aber erst einmal in die Sporthalle, zusammen mit der Mama, die auch Noelias Handballtrainerin ist. Nun hat die Corona-Krise "Druck rausgenommen".

Die Mutter schlug den beiden vor, eine "eigene Schule‹ zu gründen. "Sie waren sofort Feuer und Flamme." Im Wohnzimmer hoben die Mädchen ihre "FC-Bayern- und Peppa-Wutz-Schule" aus der Taufe und bastelten einen Stundenplan. "Ich dachte erst an eine feste Lernzeit, vielleicht ab 10 Uhr", berichtet die Mutter. "Aber sie haben sich morgens um 8 total motiviert an ihre Aufgaben gesetzt."

Fließen Erfahrungen in Schulalltag ein?

Die Erstklässlerin Anouk und die Viertklässlerin Noelia sind "oft genervt von der Lautstärke" im Klassenzimmer. Zu Hause kommen sie beim Lernen zügig voran und spüren, wenn ihre Lust auf Mathe oder Sachkunde nachlässt. Dann widmen sie sich den "AGs", die sie sich selbst ausgedacht und im Stundenplan berücksichtigt haben. Sie gestalten Plakate zu bestimmten Themen, spielen im Garten Fußball oder malen.

"Die beiden haben ihren Tag fast alleine strukturiert und sind in kurzer Zeit viel selbstständiger geworden", staunt die 40-Jährige. Natürlich sei sie jederzeit ansprechbar, doch sie könne viel ruhiger im Homeoffice arbeiten als befürchtet. "Bisher hieß es: ›Mama, ich habe Durst!‹ - ›Ihr wisst doch, wo alles steht.‹" Nun haben ihre Kinder in der Küche, während die Mutter oben am Rechner saß, auch schon mal eigenständig ihr Mittagessen in der Mikrowelle aufgewärmt, die Spülmaschine eingeräumt und angestellt.

Natürlich fehle ihren Töchtern der Kontakt zu Schulfreunden und ihnen allen ihre Handballmannschaft, Sport mache in der Gruppe viel mehr Spaß. Hinzukämen die allgegenwärtigen Ängste und die Ungewissheit: "Was wird aus dem Arbeitsplatz? Ist das Schuljahr beendet? Wie funktioniert die Notengebung? Noelia soll im Sommer ans Gymnasium wechseln. Wird sie da ›normal‹ starten können?"

Doch die Corona-Krise biete eben auch die Chance zu positiven Erfahrungen. Nadine Becker würde sich wünschen, dass sie in den künftigen Schulalltag einfließen. Sinnvoll fände sie vor allem, wenn die Kinder sich die Lernphasen freier einteilen können, wie es in manchen Ländern und Schulformen längst praktiziert wird.

Eigentlich waren die Aufgaben, die ihre Kinder erhalten haben, für drei Wochen gedacht. "Aber sie werden wahrscheinlich sehr bald erledigt sein", stellt Nadine Becker fest. Große Sorgen bereitet ihr das nicht. Zum einen können die Lehrer für Nachschub sorgen. Zum anderen wird ihren Töchtern schon Lernstoff einfallen. "Sie sind unglaublich kreativ."

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