Die Wandkarten waren oft stark idealisierend. FOTO: CHH
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Die Wandkarten waren oft stark idealisierend. FOTO: CHH

Wo Lenin auf Nazis, Römer und Kolonialisten trifft

  • Christoph Hoffmann
    vonChristoph Hoffmann
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Gießen(chh). Das Konterfei von Lenin prangt auf dem Cover. Daneben liegt ein Buch, das den Titel "Führer und Völker" trägt. "Das sind Schulbücher aus der DDR und der NS-Zeit", sagt Prof. Vadim Oswalt und fügt hinzu: "An diesen Schulmedien kann man sehr gut sehen, wie Unterricht früher instrumentalisiert worden ist." Die beiden Bücher sind nur zwei von unzähligen Objekten, die zur Sammlung von historischen Wandkarten und Lehrmitteln der Geschichtsdidaktik gehören. Und sie belegen allesamt: Zur Vermittlung von Geschichte gehört auch die Vermittlung der Geschichtsvermittlung.

Tausende Bücher, rund 100 Wandkarten, 34 Wandbilder und etliche Dia-Reihen gehören zur Sammlung. Die frühesten Stücke stammen aus dem 19. Jahrhundert, die meisten jedoch aus dem Kaiserreich und der Nazi-Zeit. "Die Sammlung ist nicht systematisch angelegt worden. Sie ist vielmehr dadurch entstanden, dass in Hessen viele Lehrerbildungsstätten verlegt und zusammengeführt worden sind. Einiges davon ist zu uns an die JLU gewandert", sagt Oswalt. Für die Dozenten haben die historischen Medien einen großen Wert. Nicht, um den Studenten etwa Fakten über die Weimarer Republik zu vermitteln. "Dafür nutzen wir natürlich moderne Medien", betont Oswalt. "Mit den Objekten können wir aber sehr gut zeigen, wie Geschichte in unterschiedlichen Zeiten und Epochen vermittelt worden ist. Und welche politischen und gesellschaftlichen Systeme dabei eine Rolle gespielt haben."

An der Tafel hängt eine große Wandkarte aus dem Kaiserreich. Sie stellt detailliert die taktischen Vorgehensweisen bei der Schlacht von Sedan dar. "Solch ein Detailwissen spielt heute im Unterricht keine Rolle mehr", sagt Oswalt. Er betont: "Die Karte belegt aber eindrucksvoll, dass die Studenten damals zu Militärexperten herangezogen werden sollten." Bei den Wandkarten ist es ähnlich. Die eine zeigt ein scheinbar friedliches Leben am römischen Grenzwall, eine andere stellt eine romantische Szene aus einem Bauerndorf in Deutschland dar. "Solche Wandkarten sind oft stark harmonisierend."

Während der Professor über die Wandbilder und Karten berichtet, werden hinter ihm Dias an die Wand geworfen. Sie zeigen Fotos aus der deutschen Kolonialzeit. Zum Beispiel den Bau von Häfen, das Anlegen von Straßen oder Kinder beim Schulunterricht. "Die Dias sollen ein bestimmtes Bild transportieren", betont Oswalt. Nach dem Motto: Die Deutschen haben den Afrikanern technischen Fortschritt und Bildung gebracht. Was die Dias nicht zeigen: Ausbeutung, Aufstände, Völkermord.

"Das ist das Tolle an diesen Lehrmitteln", sagt Oswalt: "Wir können aufzeigen, wie Geschichte damals instrumentalisiert worden ist, und welche Gefahren darin stecken."

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