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Lene und ihr Lebensmut

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Magdalena Brömer war fast 100 Jahre auf der Welt. Im Juli wäre sie 99 geworden. Doch sie starb am 15. Dezember 2020 an Corona. Ihre Tochter Christel Brömer-Weber ist dankbar, dass sie in der Sterbephase bei ihrer Mutter im Johannesstift sein konnte. Dennoch war der Abschied ein Albtraum. Nicht zuletzt, weil sich die Tochter ansteckte und mehrere Wochen schwer krank war.

Schokolade, die Lieblingscreme, Zeitschriften. Mehrmals in der Woche reichte Christel Brömer-Weber ihrer Mutter ein Päckchen durch den Bauzaun am Johannesstift. Mit dem Rollator kam die alte Dame auf kurzen Strecken ganz gut zurecht, bei längeren Wegen benutzte sie den Rollstuhl. Wenn es freitags mit der Familie zum Essen in den »Löwen« ging zum Beispiel. »Auf Pizza und Pommes freute sie sich immer so«, sagt die Tochter und lacht.

Ihr Blick fällt auf das große Porträt der Mutter. Sie hat es im Wohnzimmer aufgestellt. Jetzt kann sie es allmählich anschauen, ohne dass es zu sehr schmerzt. Oma Lenchen, wie sie liebevoll von den Enkeln und Urenkeln genannt wurde, lacht in die Kamera. Sie trägt eine moderne Kette mit blauen und silberfarbenen Perlen. »Meine Mutter hat immer viel Wert darauf gelegt, gut und gepflegt auszusehen«, sagt die 69-Jährige. Als die Mutter starb, bat eine Zimmernachbarin im Johannesstift um ein Andenken. Sie sollte die Kette bekommen. Dazu kam es jedoch nicht mehr. Auch die Nachbarin starb.

Es waren schlimme Wochen im Alten- und Pflegeheim. 19 Bewohner sind an den Folgen der Covid-19-Erkrankung gestorben, viele Mitarbeiter waren infiziert. Wenn Christel Brömer-Weber in den letzten drei Lebenstagen im Schutzanzug ans Bett ihrer Mutter trat, ging sie zunächst durch ein gespenstisch stilles Haus. Alles war abgeriegelt, die Pflegekräfte waren zu hilflosen Helfern geworden. »Die haben Unglaubliches geleistet, dabei waren sie am Rande ihrer Kräfte und selbst verzweifelt«, erinnert sie sich. Christel hat sich bei der Mutter angesteckt, sie war nach deren Tod mehrere Wochen schwer krank, Ehemann Karl-Heinz - der sich nicht infizierte - kümmerte sich um seine Frau. Diese Zeit erlebte sie wie in Trance.

Magdalena Brömer hat die Pandemie zunächst gelassen hingenommen, Angst hatte sie keine. Sie sagte: »Ich habe in meinem Leben schon so viel überlebt, da werde ich Corona auch noch schaffen.« Das war ein Irrtum. Gegen die Viren kam der alte Körper nicht an. Ohne die Infektion hätte sie vielleicht den 100. Geburtstag erlebt, bestimmt jedoch den 99. »Sie hatte keine gravierenden Vorerkrankungen, das Risiko war ihr hohes Alter«, sagt Karl-Heinz. In Lenes letzten Tagen waren nicht nur die Tochter, die fürsorgliche Hausärztin und die Lieblingspflegerinnen um sie herum. Auch Pfarrer Michael Paul kam. Der Seelsorger der Johannesgemeinde war vertraut mit der alten Dame, sie mochte ihn sehr. »Seine Besuche waren immer ganz wichtig für die Mama«, sagt Christel.

Dass Magdalena Brömer in ihrem Leben nicht nur viel erlebt, sondern auch viel überlebt hat, ist nicht nur eine Floskel. »Meine Mutter war durch fürchterliche Kriegserlebnisse traumatisiert, aber wie viele ihrer Generation sprach sie nicht oft darüber.« Die Familie der alten Dame waren Kroatiendeutsche. Auf dem Gebiet des früheren Jugoslawiens gab es bis zum Zweiten Weltkrieg eine bedeutende deutsche Minderheit. Während des Krieges und danach war diese Volksgruppe erheblichen Repressalien ausgesetzt. Als junge Frau erlebte Lene im Krieg den gewaltsamen Tod von sechs nahen Angehörigen. Ihr erster Ehemann fiel, ihr Vater, zwei Brüder, eine Schwester und deren Kind kamen ums Leben. Lene flüchtete 1945 nach Deutschland. Gemeinsam mit ihrem kleinen Sohn Siegfried landete sie in Güstrow bei Rostock. Dort rekrutierte man sie zur Zwangsarbeit. Die junge Frau arbeitete auf den Feldern Mecklenburg-Vorpommerns. In den kargen Baracken litten die Häftlinge im Sommer unter der Hitze, im Winter unter der Kälte und das ganze Jahr über unter den Schikanen der Aufseher. »Die Aufseherinnen hatte Mama immer als besonders gemein und brutal in Erinnerung«, sagt Christel. Lene erkrankte an Typhus, sie verbrachte ein Jahr im Krankenhaus. Danach gelang ihr gemeinsam mit Siegfried »in einer Nacht- und Nebelaktion« die Flucht. Wie genau, weiß man in der Familie nicht.

Sie landete im Gießener Notaufnahmelager, damals Sehnsuchtsort vieler Menschen aus dem Osten Deutschlands. Von hier aus zog sie nach Dietzhölztal. Das Dörfchen Steinbrücken wurde ihr sicherer Hafen. Sie lernte ihren Mann Heinz kennen, sie gründete mit ihm eine Familie. Eine Tochter und ein Sohn kamen zur Welt, ein Haus wurde gebaut, das Leben verlief in ruhigeren Bahnen. Endlich. Lene, die selbst nie berufstätig war, kümmerte sich mit Hingabe um die Familie und den Haushalt.

Aber sie war auch ein Kind ihrer Zeit: Dass die Söhne eine gute Ausbildung erhielten und angesehene Berufe ergriffen, war ihr wichtig. Das war es, was ihrer Meinung nach Männer im Leben tun sollten. Dass auch Christel dieses Ziel hatte, dass sie aus dem engen Dorf hinauswollte, das konnte die Mutter lange Zeit nicht verstehen. Christel ging nach Gießen und absolvierte eine Ausbildung zur Krankenschwester; sie führte ein selbstbestimmtes Leben. Das gefiel der Mutter zunächst gar nicht. Erst als Enkel Michael geboren wurde, entstand wieder mehr Nähe. Die Großmutter liebte beide Enkel über alles. Michael war ihr Augenstern, auf Enkelin Lena, die promovierte Soziologin, war sie unendlich stolz. Im Alter, so nahmen es Karl-Heinz und Christel wahr, wurde Lene offener, toleranter. Während sie bei Tochter Christel noch der Auffassung war, ein Mädchen brauche keinen Beruf, bewertete sie die gleichberechtigte Förderung der Enkelin positiv. »Du machst das richtig gut«, hat sie einmal zu Christel gesagt. Ein Satz, der alte Wunden heilte.

Auch hinsichtlich der Religion wurde sie im fortgeschrittenen Alter weltoffener. Nachdem Enkel Michael, der mit seiner Familie in Taipeh lebt, ihr seine Frau vorstellte, konstatierte sie ebenso staunend wie stolz: »So, dann haben wir nun also eine Buddhistin in der Familie.«

Schwere Schicksalsschläge musste Lene hinnehmen, als ihre beiden Söhne kurz hintereinander verstarben. »Es ist erstaunlich, dass sie auch nach diesem unendlichen Schmerz wieder Lebensmut fand«, sagt Christel. Obwohl die alte Dame früher nie ins Pflegeheim wollte, hat sie die acht Jahre im Johannesstift genossen. »Ich habe es so gut hier«, hat sie immer wieder betont. Sie war mit Begeisterung bei allen Aktivitäten dabei. Und wenn jemand Geburtstag hatte, besuchte sie den Jubilar und trug ein selbst gereimtes Gedicht vor. Sie liebte die gemeinsamen Essen und die Geselligkeit. So hätte es noch eine Weile weitergehen können, und ganz sicher hätte die 98-Jährige jedes Spiel der EM verfolgt.

In Kürze wird sie im Kreise der Familie beigesetzt. Pfarrer Paul wird die Trauerrede halten. Das hätte Lene ganz sicher gefallen.

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