Jan Volker (hinten) und Alexander Wiege sorgen im improvisierten Aufnahmestudio für den Mitschnitt des Gottesdienstes. FOTO: CSK
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Jan Volker (hinten) und Alexander Wiege sorgen im improvisierten Aufnahmestudio für den Mitschnitt des Gottesdienstes. FOTO: CSK

Leichtes und schweres Gepäck

  • vonChristian Schneebeck
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Gießen(csk). Direkt hinter der letzten Bank beginnt das Aufnahmestudio. Während am Sonntagvormittag in der Pankratiuskapelle vorne am Altar gebetet und gepredigt wird, filmen, zoomen und schneiden Jan Volker und Alexander Wiege hinten am Eingang, was das Zeug hält. Nach knapp einer Stunde haben sie alles im Kasten - und der Gottesdienst der Evangelischen Frauen in Hessen und Nassau ist beendet. Jedes Jahr gestaltet der Landesverband in etlichen hessischen Gemeinden einen besonderen zweiten Advent, diesmal unter dem Motto "Alle Jubeljahre… jetzt!". Mit Volker und Wiege sind auch zwei professionelle Veranstaltungstechniker vor Ort, damit alle Interessierten die Feier in einer Woche online anschauen können.

Der Frauenkreis der Pankratiusgemeinde musste seinen Gottesdienst für die Aufnahmen noch nicht einmal vorverlegen. Aus organisatorischen Gründen feiert er ihn traditionell bereits am ersten Adventssonntag. Und auch das Leitmotiv könnte die Corona-überschattete Vorweihnachtszeit wohl kaum besser erfassen. Jede Menge Rucksäcke haben die Frauen um Martina und Maritta Biehl, Brigitte Happel, Ingrid Friedrich und Brigitte Schombert als Dekoration aufgehängt. Im Anschluss an Psalm 57 trägt Martina Biehl zudem einen großen roten Rucksack nach vorne. "Jede und jeder von uns hat im Leben einiges zu tragen", sagt sie. "Hier muss etwas raus!"

Tief unten, unter den schweren, eintönigen Kisten mit Belastungen wie Einsamkeit, Trauer und Ungerechtigkeit findet Biehl einige Zeit später das leichte, deutlich buntere Gepäck. Würde, Freude, Zusammenhalt: "Wenn ich in die Tiefe gehe, enthält mein Rucksack richtige Schätze. Die alle sollen bei mir bleiben. Sie beflügeln mich." Man muss zuvor nicht unbedingt die Predigt gehört haben, um gedanklich sofort eine Verbindung zur Coronalage zu ziehen. Allerdings ist nicht nur vom Virus die Rede, sondern ebenso von anderen gravierenden Fragen der Zeit: von Sozial- und Flüchtlingspolitik, Klimaschutz und globaler Ungerechtigkeit.

Die 30 Teilnehmer folgen dem Geschehen still, mit Masken und in gebührendem Abstand. Nur das Vaterunser beten sie zaghaft mit. Für Musik und Gesang sorgen Andrea Fiedler (Orgel) und Martina Biehl (Solistin). Insgesamt ist es eine außerordentlich andächtige, besinnliche Stunde, für die sich die Organisatorinnen dankbar zeigen. "Wir sind sehr glücklich, dass wir auch dieses Jahr wieder hier sein dürfen", sagt Maritta Biehl. Bei lockeren Gesprächen an der frischen Luft dominiert im Nachhinein ebenfalls Freude.

Jan Volker und Alexander Wiege sind derweil schon mit dem Abbau beschäftigt. Über drei Remote-Kameras und ein Mini-Exemplar fürs Standbild haben die Experten von der rheinland-pfälzischen Firma B&W das Geschehen eingefangen. Normalerweise seien sie eher bei großen Livekonzerten im Einsatz, zuletzt aber durchaus häufiger in Kirchengemeinden gefragt, erzählt Volker. So ist Corona hinten im Studio ähnlich allgegenwärtig wie vorne am Altar. Und jeder hat irgendwie sein Päckchen zu tragen.

Zu sehen ist der Mitschnitt aus der Pankratiuskapelle, nicht nur für Mitglieder von Gemeinden, die wegen Corona keinen Gottesdienst feiern, am zweiten Advent unter www.evangelischefrauen.de.

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