Leicht verfügbar, brandgefährlich

Die Zahl der Straftaten, bei denen Messer eingesetzt wurden, sind auch in der Stadt in den vergangenen Jahren gestiegen. Das Polizeipräsidium Mittelhessen schlägt Alarm - und bringt als ein Baustein gegen diese Entwicklung Waffenverbotszonen an einzelnen Orten in Gießen ins Spiel.

Ein Angriff mit einer Schusswaffe, sagt der Krav-Maga-Trainer, sei leichter abzuwehren als eine Messerattacke. Der Teilnehmer des Kurses, in dem das in Israel entwickelte Selbstverteidigungssystem unterrichtet wird, stutzt bei diesen Worten. Bis der Experte erklärt: Ein Angriff mit einer Pistole folge in der Regel immer dem gleichen Muster. Mit einem Messer habe der Angreifer jedoch verschiedene Ansätze, zuzustechen. Und das tue er dann viele, viele Male. Der Polizeipräsident Mittelhessens, Bernd Paul, bestätigt diese Einschätzung. Messerangriffe seien »brandgefährlich« und könnten zu lebensbedrohlichen Verletzungen führen. Gleichzeitig sinke die Hemmschwelle, die leicht erhältlichen Stichwaffen einzusetzen - auch gegen Rettungs- oder Polizeikräfte. »Wir müssen da höllisch aufpassen«, sagt Paul.

Die Polizeistatistik spricht eine deutliche Sprache: Im Jahr 2010 gab es in der Stadt 24 und im übrigen Kreisgebiet 29 Straftaten, in denen eine Stichwaffe eingesetzt wurde. Im vergangenen Jahr registrierte die Ermittlungsbehörde in der Stadt 102 und im übrigen Kreisgebiet 73 Straftaten mit einem Messer. Im ersten Halbjahr 2021 liegt die Zahl solcher Straftaten in Stadt und Landkreis Gießen bereits bei 90. Wie Polizeisprecher Jörg Reinemer erklärt, handelt es bei 30 Prozent der Fälle um Körperverletzungen. Weitere Straftatbestände sind Nötigung oder Bedrohung sowie Sachbeschädigungen.

Laut des Paragrafen 42a des Waffengesetzes dürfen im Alltag Hieb- und Stichwaffen, zu denen auch Messer zählen, nicht mitgeführt werden. Explizit erwähnt werden Einhandmesser oder feststehende Messer mit einer Klingenlänge von über zwölf Zentimetern; Ausnahmen wie zur Berufsausübung sind zugelassen. Es sorgen aber nicht nur die generell verbotenen Butterfly- oder Springmesser für Probleme. Wie Paul sagt, reiche ein wenige Euro teures Teppichmesser, um einen anderen Menschen Schaden zuzufügen. »Messer sind leicht verfügbar und lebensgefährlich«, betont er.

Die Täter sind oft junge Menschen und in der Regel Männer. Als Begründung, warum sie ein Messer dabei haben, würden viele von Selbstverteidigung sprechen. Für Paul ist dies ein Vorwand. Der Polizeipräsident glaubt, dass das Mitführen eines Messers manchen Menschen ein subjektives Gefühl von Macht und Selbstwertgefühl gebe. Und dann würden sie dieses in einem Konflikt einsetzen.

Schutz durch Distanz

Auch in Gießen gibt es immer wieder Beispiele, wenn während eines Streits ein Messer gezückt wird. Nicht immer sind Drogen oder Alkohol im Spiel. Und entgegen der Meinung von rechtsextremen Agitatoren betrifft das Problem nicht nur die Erstaufnahmeeinrichtung. Zu sehen und hören ist davon regelmäßig in den Gerichtsälen. Wie Ende 2019, als ein 19 Jahre alter Gießener vor dem Landgericht zu einer Jugendstrafe von drei Jahren verurteilt wurde. Er hatte bei einem abendlichen Treffen mit Freunden am Schwanenteich nach einem Streit seinem ein Jahr jüngeren Kontrahenten in den Bauch gestochen und ihn lebensgefährlich verletzt. Der Auslöser des Streits: Der Angeklagte sagte, das spätere Opfer habe ihn angespuckt.

Für die Polizei gehört es zur professionellen Pflicht, sich vor Angriffen mit Stichwaffen zu wappnen. Dafür gibt es sogenannte Schnittschutzschals oder -handschuhe sowie Schutzwesten. Auch werden die Beamtinnen und Beamten für solche Situationen im Einsatztraining konfrontiert. Doch was können Zufallsopfer von solchen Attacken oder Bedrohungen tun? »Distanz herstellen, Öffentlichkeit schaffen, andere Menschen ansprechen und die Polizei alarmieren«, sagt Paul. »Aber niemals auf einen Kampf einlassen.«

Paul sieht die Videoüberwachung als ein Baustein, um mögliche Täter abzuschrecken oder Ermittlungen zu erleichtern. Einen Ansatz, den er für diskussionswürdig hält, ist eine Waffenverbotszone. Diese gibt es zum Beispiel bei der Bundespolizei an Bahnhöfen oder in Innenstädten. Um solche Zonen einzurichten, müssen die rechtlichen Voraussetzungen und der politische Willen gegeben sein. Wiesbaden war die erste Stadt in Hessen, die eine solche Zone eingeführt hatte. So ist es in der dortigen Fußgängerzone nicht gestattet, zwischen 21 und 5 Uhr Waffen oder gefährliche Gegenstände mitzuführen. Der Polizei kann außerdem verdachtsunabhängig Menschen kontrollieren. Die Verantwortlichen in Wiesbaden ziehen ein positives Fazit.

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