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Die A 485 bei Wieseck: Die Leiche der 41 Jahre alten Frau wird auf der Seite Richtung Lollar (r.) zwischen der Leitplanke und einem Weidezaun gefunden. FOTO: KHN

"Mord verjährt nicht"

Leichenfund bei Kilometer 22,9 am Gießener Ring

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Eine dreifache Mutter wird im Herbst 1990 erdrosselt. Bis heute ist der Mörder der 41 Jahre alten Gießenerin Phouxay W. nicht gefunden. Wir blicken zurück auf den Fall. Denn Mord verjährt nicht.

Auf der Brücke über der A 485 im Hangelstein-Gebiet bei Wieseck hat sich ein Paar verewigt. Mit weißer Farbe steht dort auf grauem Asphalt "D + J = Love". Dazu das Datum: 24. April 2019. Der Beginn eines gemeinsamen Lebens. Vor 30 Jahren markiert eine Stelle wenige Hundert Meter von dieser Brücke entfernt die Gewissheit über das Ende eines anderen Lebens: das von Phouxay W. Die 41 Jahre alte Gießenerin, verheiratet, Mutter von drei Kindern, wird hier am 7. Oktober 1990 tot aufgefunden. Die Ermittler finden schnell heraus: Sie ist ermordet worden. Vom Täter fehlt bis heute jede Spur.

Es ist ein milder Sonntagmorgen im Oktober 1990, als ein 33 Jahre alter Jäger im Hangelsteingebiet unterwegs ist. Damals gibt es auf der einen Seite der A 485 noch die Rennstrecke "Drei Teiche" des Motorsportclubs Wieseck. Auf der anderen Seite erstreckt sich ein Waldgebiet. Gegen 7.20 Uhr macht der Mann im herbstbunten Gebüsch an einer Böschung eine Entdeckung. Zwischen dem Wildzaun und der Leitplanke, nicht einsehbar für den vorbeirauschenden Verkehr, findet er den Körper einer Frau. Sie liegt auf dem Bauch, das Gesicht nach unten, den Strickpullover hochgezogen. Der Jäger alarmiert die Polizei.

Als Erstes ist eine Streifenwagenbesatzung vor Ort. Die Polizisten benachrichtigen die Spurensicherung und das Kommissariat für Kapitalverbrechen K 11. Die Fundstelle wird mit weiß-rotem Absperrband eingegrenzt. Polizeifahrzeuge bilden auf der Standspur der Autobahn eine Kolonne, die von einem Streifenwagen der Autobahnpolizei Butzbach abgesichert wird. Beamte des Erkennungsdienstes nehmen Fingerabdrücke der Frau. Ausweispapiere finden die Beamten nicht - aber Schleifspuren, die von der A 485 zur Stelle bei Kilometer 22,9 führen. Schnell ist klar: Der Fundort der Frau ist nicht der Ort, an dem sie gestorben ist.

Zusammenarbeit mit amerikanischer Militärpolizei

Die Identität des Opfers ist bald geklärt: Es handelt sich um Phouxay W., eine 41 Jahre alte Frau. Die gebürtige Asiatin hinterlässt drei Kinder und einen Ehemann. Der sagt der Polizei, seine Gattin sei bereits am 1. Oktober abends aus dem Haus gegangen - und seitdem nicht mehr zurückgekehrt. Warum er sich nicht bei der Polizei gemeldet habe, wollen die Ermittler wissen. Sie erfahren vom Ehemann, dass Phouxay W. nicht das erste Mal länger weg gewesen sei.

Am nächsten Tag im Institut für Rechtsmedizin der Justus-Liebig-Universität Gießen: Um 13.30 Uhr beginnt die Obduktion der Frau. In Anwesenheit eines Staatsanwalts und eines Beamten des K 11 nimmt ein Gerichtsmediziner die Autopsie vor, um Todeszeit und Ursache festzustellen. Denn am Fundort hat ein Gerichtsarzt den Ermittlern am Sonntag lediglich vage Hinweise geben können.

Nach der Untersuchung teilt Oberstaatsanwalt Joachim Müller mit: "Die 41-Jährige wurde mit einem Schnürsenkel stranguliert." Außerdem finden sich unter dem dichten schwarzen Haar der Toten Kopfverletzungen. Und: Es gibt keine Hinweise auf ein Sexualdelikt. Unklar ist hingegen die Tatzeit. Die Frau hatte eine Uhr getragen, als sie sterben musste. Bei den Ermittlungen fällt auf, dass das Ziffernblatt kaputt ist. Es zeigt als Datum den 2. Oktober und als Uhrzeit 3.08 Uhr. Ist Phouxay W. also kurz nach ihrem Verschwinden am 1. Oktober zu Tode gekommen? Das alles ist Spekulation.

In einem Mordfall sind die ersten Tage oft entscheidend: Die Spuren sind frisch, die Zeugen erinnern sich genauer. Deshalb wird tags darauf innerhalb des K 11 eine Sonderkommission gebildet, um den Mörder aufzuspüren. Der damalige Polizeipressesprecher Kurt Maier sagt: "Wir haben das Netz noch viel weiter ausgeworfen." Die Familie lobt eine Belohnung von 10 000 D-Mark für Hinweise aus, die zur Ergreifung des Täters führen.

Bekannt ist, dass Phouxay W. gerne in Lokale ging, in denen damals auch die in und um Gießen herum stationierten US-Soldaten feiern. Die heimischen Ermittler arbeiten deshalb mit der amerikanischen Militärpolizei zusammen. Der Leiter des K 11, Harald Löper, lässt Handzettel drucken und diese in US-Kasernen, am Bahnhof sowie an Gießener Taxi- und Minicar-Fahrer verteilen. Darauf ist Phouxay W. zu sehen - in der Kleidung, die sie am Abend ihres Verschwindens trug: eine schwarz-weiße Stretchhose mit dem Muster der amerikanischen Flagge, einen grauen Pullover und braune Stiefeletten.

Mit den zahlreich eingehenden Hinweisen lassen sich die vermutlich letzten Stunden der Gießenerin vor dem Verbrechen rekonstruieren. Am Nachmittag, schildern Zeugen, sei Phouxay W. noch beim Sport gewesen. Dort habe sie nervös gewirkt. Hier soll sie sich mit einer Freundin für 21 Uhr in einer Pizzeria am Fasanenweg verabredet haben. Ein Minicar-Fahrer meldet sich bei der Polizei und erzählt, er habe die Frau um 22.30 Uhr im Bantzerweg als Fahrgast aufgenommen. Ihr Ziel: die Discothek "Fifty Fifty" in Dutenhofen. Nur sei der Club an jenem Abend geschlossen gewesen. Also habe er sie an der Rödgener Straße abgesetzt.

In Kleinlinden verliert sich die Spur von Phouxay W.

Anschließend wird sie in einer Gaststätte an der Frankfurter Straße in Kleinlinden gesehen. Später spricht sie gegen Mitternacht an der Ecke Frankfurter Straße/Wetzlarer Straße eine Autofahrerin an. Die erinnert sich gegenüber der Polizei: "Ich hielt an der Kreuzung bei Rot, da sprach mich eine Frau an, auf die die Personenbeschreibung zutrifft. Ich hab es jedoch abgelehnt, sie zu einer Disco zu fahren." Dann verliert sich die Spur von Phouxay W. Was mehrere Zeugen gegenüber der Polizei wiederholt erwähnen: Die 41 Jahre alte Frau habe augenscheinlich Alkohol getrunken und sei reizbar gewesen.

Am 24. Oktober 1990 tappt die Polizei noch immer im Dunkeln. Das Problem: Es gibt viele Hinweise, aber nicht den entscheidenden. Auch eine Suchaktion am Fundort der Leiche ergibt keine neue Spur. Vor knapp fünf Jahren nehmen sich die Ermittler der Polizei Mittelhessen noch mal die Asservate vor. Es gibt unter anderem Spuren auf den Schnürsenkeln, mit denen die Frau erdrosselt wurde. Nur reichen diese nicht mehr aus, um ein Muster herauszuarbeiten.

30 Jahre später: Das Areal des Motorsportclubs ist zu einem Naturschutzgebiet geworden. Die Streuobstwiesen bieten vielen Tieren wie dem Sperling oder dem Gartenschläfer ein Zuhause. Auch im Wald auf der anderen Seite der Autobahn tummelt sich das Leben: Blindschleichen, Rehe und Füchse kreuzen die Wege der Waldarbeiter, Spaziergänger und Jogger. Anfang Oktober 1990, irgendwann nach dem Verschwinden von Phouxay W., stellt ein Unbekannter sein Fahrzeug auf dem Standstreifen der A 485 bei Kilometer 22,9 ab, hebt den leblosen Körper der Frau über die Leitplanke, trägt ihn die Böschung hinunter und versteckt ihn im Gebüsch. Dann fährt er Richtung Norden davon. Und ist bis heute nicht aufgespürt worden.

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