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Der Raubkäfer in Aktion.

Leichenduft lockt Besucher an

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Gießen (hsb). Wenn im Botanischen Garten Leichenduft durch den Äther wabert, dann ist es wieder so weit. Die Gemeine Schlangenwurz (Dracunculus vulgaris) steht in voller Blüte. Um ihre Bestäubung zu sichern, versucht sie aufzufallen. Allerdings nicht durch hübsche, wohlduftende Blüten. Vielmehr geschieht das durch ein dunkelpurpurfarbenes, gewelltes Hochblatt, das an seiner Basis die unscheinbaren, von außen gar nicht sichtbaren männlichen und weiblichen Blüten umschließt. Neben diesem optischen Anlockmittel kommt noch ein für menschliche Nasen unangenehmer Aasgeruch hinzu, der den Drüsengeweben eines schwarzvioletten, feucht glänzenden Kolbens entströmt.

Die Adressaten, Schmeißfliegen verschiedener Arten, können hier nicht widerstehen. Sie verfallen diesen Reizen und tummeln sich zu mehreren auf dem für sie so verführerischen Hochblatt, das ihnen wie ein Stück leckeres Aas vorzukommen scheint. Es sind Muttergefühle, die sie dort hintreiben, denn auf Tierkadavern legen sie gewöhnlich ihre Eier ab. Die ausschlüpfenden Fliegenlarven ernähren sich dann von dem Leichnam. Damit erfüllen die so wenig beliebten Schmeißfliegen eine ganz wichtige Aufgabe im Haushalt der Natur, tragen sie doch auf diese Art zur Beseitigung von Leichen bei. Von der Schlangenwurz allerdings werden die Fliegen gelinkt, denn das Aas vortäuschende Hochblatt liefert natürlich keinerlei Nahrungsgrundlage für die Insektenlarven. Werden hier Eier von einer Fliege abgelegt, müssen die Larven verhungern. Ziel der Pflanze ist es vielmehr, dass Fliegen in den Kessel mit den Blüten abstürzen und dabei eine Bestäubung erfolgt.

Angelockt wird noch ein weiterer Gast. Es ist der bis zu 2,5 Zentimeter lange Aas-Raubkäfer (Creophilus maxillosus). Dieser schmale Käfer aus der Familie der Kurzflügler kommt in existenzialistischem Schwarz daher, das an verschieden Körperstellen durch graugelbweiße Haare aufgehellt ist. Aus diesem Grund wird er auch noch Weißhaar-Halbflügler genannt. Im Gattungsnamen Creophilus offenbart sich aber sein wahrer Charakter. Den Namen kann man mit Fleischliebhaber übersetzen. Mit seinem feinen Näschen ortet der Käfer Aas und reist teilweise aus großer Entfernung an. Der Käfer ist ein echtes Leckermäulchen, denn nicht Aas steht auf seinem Speiseplan, sondern Frischfleisch in Gestalt von Fliegenlarven, die er mit seinen mächtigen Kiefern greift und in essbare Portionen zerlegt.

Schmeißfliegen, Aas-Raubkäfer und ihre Entwicklungsstadien spielen übrigens in der Forensik eine Rolle. Vom Erscheinen dieser Insekten lassen sich Rückschlüsse über die Liegezeit eines Leichnams machen, was die Bestimmung des Todeszeitpunktes erlaubt. Im Botanischen Garten allerdings gibt es vorerst noch keinen Leichnam, sondern nur eine Pflanze, die Schmeißfliegen und Käfer gleichermaßen hereingelegt hat.

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