Lehárs unbekannte Seite

  • VonDr. Olga Lappo-Danilewski
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Das Junge Sinfonie-Orchester Wetzlar bringt frischen Wind in die Universitätsaula. Hohen Anteil hat daran auch die emphatische Darbietung des Solisten: Tenor Martin Rieck.

Mit Elan und konzentriertem Einsatz präsentierte sich am Sonntagabend das Junge Sinfonie-Orchester Wetzlar nach seinem Auftritt am Vortag in der Nachbarstadt nun in Gießen. Der frische Wind in der Universitätsaula betraf nicht nur die Darbietung der Musik unter dem jungen Dirigenten Daniel Spogis, sondern auch die sinnvolle Zusammenstellung des Programms mit Werken von Franz Schreker, Franz Lehár, Richard Strauss und Ludwig van Beethoven. Schrekers »Ein Tanzspiel« op. 38 und Lehárs Tondichtung »Fieber«, nicht gerade gängiges Repertoire auf Konzertbühnen, fanden im gut besetzten Saal hohe Aufnahmebereitschaft.

Noch ganz der spätromantischen Tradition verpflichtet, ließen Schrekers vier klassische Tanzsätze üppige Orchestrierung und unendliche Melodiebögen erstrahlen. Harfe, Kontrafagott und Tuba zogen neben Schlagwerk im groß besetzten Klangkörper die Aufmerksamkeit auf sich. So gefielen schillernder Harmoniereichtum in der Sarabande, technisch anspruchsvolle Wechsel zwischen hüpfenden Figuren, eleganten Geigen, übermütigen Rhythmen im Menuett bis zum Ritardando mit den Motivbruchstücken als Ausklang. Choralassoziationen im Madrigal und Marschtakt in der Gavotte runden Schrekers Op. 38 (1908/9) ab.

Ähnlich jugendstilhaft in der Harmonik imponiert Lehárs wenige Jahre später unter dem Eindruck des Ersten Weltkriegs entstandene Tondichtung für großes Orchester und Tenor, »Fieber«. Der als Operettenkomponist geläufige Meister zeigt sich hier von einer tragischen Seite. Der Text zu seiner suggestiven, zitatenreichen Tonschöpfung stammt von Erwin Weill und mischt sich kongenial zum visionären Hörbild um einen sterbenden Soldaten im Lazarett, der im Delirium zwischen Walzerseligkeit, Todesangst und versöhnlichen Himmelsfantasien dahindämmert. Bis zum letzten (gesprochenen) Satz »Herr Stabsarzt, der Kadett vom Bette acht ist tot.« Hier lief das Orchester zur Hochform auf; die Dramatik der Erzählung mit ihren abrupten Stimmungswechseln kam zum Tragen. Hohen Anteil hatte die emphatische Darbietung des Solisten, wenn da auch die blechlastigen Fortissimi die ausdrucksvolle Stimme von Martin Rieck überdeckten. Umso gelungener »Und morgen wird die Sonne wieder scheinen« im bekannten Lied op. 27 Nr. 4 »Morgen« von Richard Strauss, das die aufwühlende Szenerie in Schrekers »Fieber« hoffnungsfroh umkehrte.

Hier sprach die Wärme des Tenors mit seiner guten Tragfährigkeit in den höheren Lagen wunderbar an, und Spogis’ engagierter Führung mit deutlicher Gestik für die Instrumentengruppen ist eine anregende Vermittlung einer spannenden musikalischen Übergangszeit zu verdanken.

Schwungvoll und dynamisch begann mit dem Allegro con brio die Beethoven-Sicht des Dirigenten, der im Folgenden zusammen mit dem Orchester eine zumindest in den drei raschen Sätzen martialisch anmutende »Eroica« bot. Raue Ecken und Kanten mit markanten Schlägen ließen das Kriegerische in Beethovens 3. Sinfonie in den Vordergrund treten. Schleppendes Tempo schien die Spannung im Trauermarsch des zweiten Satzes zu fragmentieren. Insgesamt eine eigenständige, energievolle Interpretation. Kleine Unebenheiten bei den Hörnern und Violinen trübten diesen Eindruck kaum. Die besondere Betonung von Details wirkte sich allerdings etwas zu Ungunsten eines geschlossenen Gesamtbildes aus. Im Finale drehte der Klangkörper noch einmal mächtig auf, und der begeisterte Beifall erforderte eine schmissige Zugabe.

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