Seltersweg

Leerstände: Sorgen um Seltersweg Gießen

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In Gießen wird über die Nachfolgeregelung für zwei große Geschäfte gesprochen: "The Sting" und "Peek & Cloppenburg". Ein Insider warnt: "Theoretisch vakant sind mehr als zehn Läden."

Markus Pfeffer sitzt in einem Café in der Innenstadt, rührt in seinem Cappuccino und schaut aus dem Schaufenster auf die Passanten. "Der Seltersweg ist Gießens Hauptschlagader. 4700 Personen pro Stunde. Eigentlich müsste man ihn unter Naturschutz stellen. Denn wenn die Innenstadt stirbt, dann stirbt die ganze Stadt", sagt der Macher des BID Seltersweg. Pfeffer ist schon lange im Geschäft, er weiß, Handel ist Wandel. Er kann PR-Argumente zum Vorteil der Innenstadt gebetsmühlenartig abspulen. Das ist sein Job. Doch in diesen Tagen macht er sich ernste Sorgen um die Zukunft der Gießener Einkaufsstraße. "Wir brauchen die Unterstützung der Politik. Die muss begreifen, dass eine Stadt wie Gießen von der Lebendigkeit einer Fußgängerzone lebt."

Der aktuelle Zustand des Selterswegs sei zwar noch nicht bedenklich, man müsse aber jetzt sehr genau aufpassen, dass es nicht kippt", sagt ein Immobilienvermarkter. Der Kenner der Szene möchte anonym bleiben, auch um seine Kunden, unter anderem Eigentümer von Immobilien in der Innenstadt, zu schützen. Das Aus der Modekette "The Sting" und der angekündigte Rückzug von "Peek&Cloppenburg" im August sei als Warnschuss zu verstehen.

Weitere drei Läden – der ehemalige "Wagner Schuhe", der frühere Handyshop "yourfone" sowie die Filiale einer Modekette werden derzeit auf der Internetseite von Immobilienscout als Mietobjekte angeboten. "Theoretisch vakant sind mehr als zehn Läden", sagt der Experte. Will heißen: Wenn das entsprechende Angebot kommt, wären offenbar eine ganze Menge Unternehmen bereit, dem Seltersweg den Rücken zu kehren. Er warnt: " Wenn es erst mal beginnt mit längeren Leerständen, dann kann es sehr schnell gehen".

Seltersweg Gießen: Sehr hohe Mieten

Ein Grund für die Probleme sind die "knackigen Mieten", die von früher verwöhnte Hauseigentümer – in Gießen gibt es im Vergleich zu anderen Städten einen sehr hohen Anteil an privaten Immobilienbesitzern – weiter gerne erzielen möchten. 90 Euro Miete pro Quadratmeter war lange keine Seltenheit. Die Nachfrage nach Flächen ist nicht zuletzt durch einige Insolvenzen größerer Textilunternehmen aber deutlich geringer geworden. "Im Moment sitzen die Händler in den Verhandlungen am längeren Hebel", sagt der Experte. Auch in Gießen habe sich das bei einigen Vertragsverlängerungen zuletzt gezeigt, die zu deutlich schlechteren Konditionen abgeschlossen worden seien. Immer wieder sind bei Gesprächen auch Baukostenzuschüsse, mietfreie Zeiten und vor allen Dingen eine deutlich kürzere Vertragsdauer ein Thema. "Die Gießener Hauseigentümer haben die Situation verstanden und sind vernünftig", sagt Pfeffer.

Sein Sorgenkind ist die Immobilie im oberen Seltersweg, die zuletzt "The Sting" bezogen hatte. Sie gehört der Generali Gruppe, die angeblich rund 60 000 Euro Miete im Monat für die 2700 Quadratmeter große Verkaufsfläche verlangt. "Die Makler greifen sich an den Kopf. Das ist utopisch und kein marktüblicher Preis", schimpft Pfeffer. Die anderen Objekte beunruhigen ihn nicht. "Wagner Schuhe" habe bauliche Schwächen und müsse im Eingangsbereich umgebaut werden, was eine zügige Vermietung verhindere", sagt Pfeffer. Selbst das ehemalige Schmucklädchen "Clabelle" sei mittlerweile nach einer Sanierung wieder vergeben, "yourfone" zwischenvermietet.

"Die kleineren Läden sind nicht das Problem. Es gibt eine Liste von bis zu zwölf Händlern, die nach Gießen wollen, aber nicht die passende Immobilie finden", berichtet Pfeffer. "Der Handel hat verstanden, dass es nur über besseren Service und angenehme Erlebnisse funktioniert, jetzt muss die Politik verstehen, dass wir in Sachen Parken und Erreichbarkeit schnell handeln müssen und nicht erst 2025. Das ist ein großer Kritikpunkt unserer Kunden." Eine weitere Botschaft an die Politik: "Den heimischen Handel zu unterstützen, heißt auch, sich gegen andere zur Wehr zu setzen, nicht nur beim Outlet, auch bei den verkaufsoffenen Sonntagen."

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Was wird aus P&C?

Nicht nur der benachbarte Herrenausstatter Köhler wartet mit Spannung darauf, wer dem Modeunternehmen Peek&Cloppenburg im Seltersweg folgt. Für die Immobilie in Gießens Toplage, die der P&C-Gruppe gehört, gibt es angeblich schon mehrere Interessenten. Das gilt allerdings nicht nur für die Verkaufsfläche. Auch die P&C-Mitarbeiterinnen und -Mitarbeiter sind offenbar begehrt. Dem Vernehmen nach sind bei den handelnden Personen schon einige Nachfragen aus der Nachbarschaft eingegangen, die gerne die eine oder andere Kraft für das eigene Unternehmen abwerben würden.

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