Aus Leerständen werden Geschäfte - wie hier am Johannette-Lein-Platz. FOTO: SEG
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Aus Leerständen werden Geschäfte - wie hier am Johannette-Lein-Platz. FOTO: SEG

Leerstände füllen

  • vonSebastian Schmidt
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Künstler und Musiker verlassen die Stadt, weil sie keine Räume finden. Die "raumstation3539" versucht zusammen mit der Stadt geeignete Plätze für die Kreativ-Szene zu schaffen. Damit helfen sie im besten Fall auch den Besitzern von leer- stehenden Immobilien.

Es passiert immer wieder, dass Ladengeschäfte oder ganze Gebäude leerstehen. Gleichzeitig suchen Künstler und Musiker Räume. Die Mitarbeiter der "raumstation 3539" versuchen, kreative Menschen und Vermieter zusammenzubringen. Ihr Konzept heißt Zwischennutzung. Doch wie funktioniert das?

Jan Buck von der Raumstation erklärt das Konzept. Künstler mieten zu günstigen Preisen - teilweise sogar nur für die Nebenkosten - Räume, bis der Eigentümer einen neuen Mieter gefunden hat. "Die Kreativen können sich darin ein Atelier oder einen Proberaum aufbauen. Aber auch Ausstellungen oder Pop-up-Stores finden so einen Platz", sagt Buck. Von solchen Kreativ-Orten gebe es in Gießen aber viel zu wenige. "Wenn wir Räume ausschreiben, ist die Nachfrage fünfmal so groß wie das Angebot."

Große Nachfrage nach Räumen

Doch nicht nur die Kreativen , auch die Eigentümer haben einen Nutzen von der Zwischennutzung. Buck erklärt: "Dadurch dass die Räume benutzt werden, fallen Probleme wie ein Rohrbruch schneller auf. Ein Schaden, der länger unentdeckt bleibt, kann sonst richtig teuer werden." Außerdem müsse sich der Vermieter im Winter nicht um das Heizen der Räume kümmern. Die Zwischennutzung helfe den Eigentümern aber auch bei einem noch viel größeren Problem, sagt Buck. "Es gibt bei Leerständen schnell einen Abwärts-Spiralen-Effekt." Ein Platz mit einem leerstehenden Haus sei weniger attraktiv für die Menschen. Passanten gehen dann nicht mehr so oft vorbei. Das schade den anderen Immobilien an diesem Ort. Weitere Leerstände können hinzukommen und das ganze Areal abwerten.

Die Mitarbeiter der Raumstation versuchen das Gegenteil zu erreichen. In dem sie vermehrt junge und kreative Menschen durch eine Zwischennutzung zu solchen Orten bringen, wollen sie eine Aufwärts-Spirale auslösen. Der Johannette-Lein-Platz sei ein Beispiel, wo das gelungen sei, sagt Buck. Ein unattraktiver Platz mit mehreren Leerständen sei durch die Zwischennutzung der "Fröhlichen Gesellschaft" erst wieder richtig wahrgenommen worden. Mittlerweile haben sich dort der Unverpacktladen, das Bekleidungsgeschäft Boom Jack und seit neustem das Männerkaufhaus Herrengut angesiedelt. Aus einem trostlosen Platz sei ein belebter Ort geworden, sagt Buck.

Mithelfen beim Leerstandsmelder

Eine Herausforderung sei es jedoch, die Leerstände zu finden. Das findet auch Wolf Schreiber. Er sagt: "Ein leeres Ladengeschäft erkennt man schnell. Bei Wohnräumen ist es aber schwierig." Es hört sich ein bisschen nach Detektivarbeit an, wenn er beschreibt, worauf er bei der Suche nach geeigneten Orten achtet: Sind die Rollläden immer unten oder gibt es keine Gardinen am Haus mehr, die Parkplätze immer unbenutzt? "Das könnte dann ein Leerstand sein", sagt Schreiber.

Bei dieser Aufgabe hoffen die Mitarbeiter der Raumstation nun auf mehr Unterstützung. Sie versuchen nämlich alle Leerstände auf einer neuen Webseite zu erfassen. Jeder ist aufgerufen, leerstehende Immobilien zu melden. Die Raumstation wiederum kann dann Menschen helfen, Kontakt mit dem Eigentümer aufzunehmen. Buck erklärt, woher sie den Kontakt zu den Eigentümern bekommen: "Wir arbeiten in diesem Projekt mit der Stadt zusammen."

Buck sagt aber auch, dass eine Zwischennutzung keine nachhaltige Lösung für die fehlenden Räume für Künstler in der Stadt sei. Mitarbeiter Sönke Müller pflichtet ihm bei und warnt: "Viele Kreative wandern ab, weil sie in Gießen keine Räume finden."

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