Vom lebenslangen Unterwegssein

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Thema der neuen Tanzpremiere am Stadttheater ist das Unterwegssein. In "Wegerzählungen" geht es um die Suche nach eigenen Wurzeln und denen des Tanzes. Ein ewiges Thema – auch für Choreograf Daniel Goldin.

Die Musik ist irgendwie magisch, wie ein Sog, der einen mitzieht. So ähnlich hat es Daniel Goldin auch erlebt, als er Anfang der 80er auf einer Tournee im nordspanischen Galizien war. Die ursprüngliche Landschaft, die Vermischung der Kulturen und die mythischen Reste alter Religionen, das alles hat den heute 61-Jährigen so in Bann gezogen, dass es ihn ein Leben lang begleitete. Er ist den Jakobsweg gegangen, als dieser noch nicht medial vermarktet war. Er besuchte das Land mehrmals.

In seiner Heimat Argentinien machte er 1986 daraus ein preisgekröntes Duett. Mit dem Preisgeld kaufte er ein Flugticket nach Deutschland, um an der Folkwangschule in Essen deutschen Ausdruckstanz zu studieren. Die Grundlagen hatte er von seiner Lehrerin Renate Schottelius, die bei Mary Wigman studiert hatte und in der NS-Zeit ins südamerikanische Exil ging. Auch Goldins Vorfahren kamen um 1900 aus Europa, jüdische Ukrainer auf der Suche nach dem "goldenen Amerika".

Insgesamt vier Duette fügte er 1994 zu einem Tanztheaterabend zusammen, Premiere war in Münster. Die Stadt war ihm 16 Jahre lang zweite Heimat, als er zum Leiter des Tanztheaters an den städtischen Bühnen wurde. "Im Nachhinein gesehen ist dieser Tanzabend fast biografisch zu nennen", sagt sein langjähriger Kollege Matthias Dietrich, der für die Kostüme und das Bühnenarrangement zuständig ist.

Thema von "Wegerzählungen" ist das Unterwegssein, die Suche nach den eigenen Wurzeln und denen des Tanzes. Ein ewiges Thema. "Wegerzählungen / Cuentos Del Camino" hat er in all diesen Jahren immer wieder mit seiner Gruppe aufgeführt, dank des Goethe-Instituts wurde es weltweit gezeigt. In den letzten fünf Jahren war Goldin freischaffend, choreografierte und unterrichtete in Argentinien. Vom deutschen Theaterbetrieb hielt er eine Weile Abstand, ging nach Frankreich, um das dortige Ausbildungssystem kennenzulernen. Dafür musste er noch ein Diplom machen und darf sich jetzt "Professeur de Danse" nennen.

Tanzklassiker-Reihe

Aber das ist genau die Frage, die ihn umtreibt. Wie unterrichtet man junge Menschen heute im Tanz? Wie trägt man die Tradition und die Errungenschaft des deutschen Ausdruckstanzes weiter. Denn das hat ihm die aktuelle Arbeit mit der Tanzcompagnie Gießen wieder gezeigt: die jungen Tänzer lernen unglaublich schnell die Bewegungsabläufe. Aber sie kennen weder die Namen noch die Grundlage der Folkwang-Tanztradition, die vor allem auf Bewegungsanalyse beruht. Es geht um Ausdruck und Emotion, um kleine, differenzierte und dennoch exakte Bewegungen, die zugleich spielerisch rüberkommen sollen. Was die Gießener bereits beim Tanzstück "Auftaucher" kennengelernt haben. Auch diese Choreografie von 1999 zählt zu den Klassikern des neueren deutschen Tanztheaters und Choreografin Henrietta Horn kommt ebenfalls aus der Folkwang-Schule.

Mit "Wegerzählungen" setzt der Gießener Ballettdirektor Tarek Assam also die Reihe der Tanzklassiker fort. Mit Daniel Goldin stand er im Übrigen die ganze Zeit in Kontakt wegen einer weiteren Arbeit für Gießen. Goldin war bereits 2013 hier, als Gastchoreograf für das Site-Specific-Project "Von den Winden" im Hugo-von-Ritgen-Haus.

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