"Das Lebensende bedenken"

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Gießen(pm). Wie denkt ein Philosoph und Ethiker über das Lebensende nach? Und in welchem Zwiespalt stecken Menschen, die das Leben genießen möchten in dem Bewusstsein, dass am Lebensende der Tod steht? Der Hospiz-Verein Gießen hatte zu einem Vortrag mit Prof. Franz Josef Wetz in den Margarete-Bieber-Saal eingeladen. Wer vom Referenten widerspruchsfreie Lösungen erwartete, der kam mit unrealistischen Vorstellungen zu dieser Veranstaltung.

Unter den rund 80 Zuhörern saßen viele Hospizmitarbeiter, die allzu oft bei der Begleitung Sterbender erleben, dass Menschen Fragen, die am Ende ihres Lebens stehen, zu Lebzeiten gerne verdrängen. So bleibt häufig keine Zeit, diese Fragen am Lebensende einer zufriedenstellenden Antwort zuzuführen. Mit einem mitten aus dem Leben gegriffenen Beispiel eröffnete der Referent seinen Vortrag. Er stellte fest, dass viele Menschen ihren Geburtstag feiern, der sie aber dem Tod ein Stück näher bringt.

Ungewissheit schürt Angst

Menschen altern, das sind Vorboten des Todes. Sie neigen aber dazu, diese Vorboten nicht zur Kenntnis zu nehmen. Der Mensch hängt an seinem Leben. Andererseits wird er mit Lebenswirklichkeiten konfrontiert, die ihn am Leben zweifeln lassen. Diese Zweifel am Leben sind bis in die Antike zurückzuverfolgen, ja mit einer Erhöhung des Zweifels, dass es das Beste sei, gar nicht erst geboren zu sein, so die Ausführungen des Referenten.

Weitere Gedanken widmete der Referent der Ungewissheit im Zusammenhang mit dem Tod. Diese Ungewissheit schürt Angst. Kein Mensch kann probeweise Tod sein; es existieren keine Erfahrungsberichte über den Tod. Der Tod ist das Ende aller Möglichkeiten, das macht Angst. Andererseits, so stellt der Referent fest, ist im Leben Todesangst wichtig, weil sie der Abwehr von Gefahren dient. Insoweit ist Todesangst biologisch sinnvoll und in diesem Kontext könne man Todesangst auch als Kehrseite des Selbsterhaltungsstrebens interpretieren.

Um Abhilfe zu leisten, hilft Trost Trauernden in Bezug auf die eigene Endlichkeit und beim Tod von Nächsten. In diesem Zusammenhang empfahl der Referent, nicht immer allem zu widersprechen, was falsch ist. Höher als die Wahrheit stehe die Frage, ob und wie sich damit leben lässt.

Todesangst schwer zu besiegen

Trost hilft Angst zu zerstreuen. Deutlich machte der Referent, dass Trost alleine die Probleme nicht löst, aber Brücken baut, um Probleme abzumildern. Weiter stellte er fest, dass Trost unabänderliche Härte mildert, die sich aber nicht abschließend aus der Welt schaffen lasse. In diesem Zusammenhang verwies er auf Gedanken von Seneca über Cicero bis Aurel und zitierte Cicero, wonach der Tod eine Befreiung und das Ende allen Übels sei. Brücken bauten die Philosophen in der Antike auch mit ihren Feststellungen wonach "das Nichtsein vor unserer Geburt und das Nichtsein nach unserem Leben nicht schlimm ist" oder "solange wir noch da sind, ist der Tod nicht da; stellt sich aber der Tod ein, so sind wir nicht mehr da". Es sei eben so, dass der, der am Leben hängt, sein Leben nicht ohne Weiteres aufgibt und dass sich die Todesangst nicht ohne Weiteres besiegen lässt. Auch eine kosmische Bescheidenheit, so wie es der Referent nannte, hilft, die Todesangst zu mildern. Die Todesangst wird man nicht uneingeschränkt besiegen können, solange der Mensch nach Selbsterhaltung strebt.

Wetz promovierte und habilitierte in Gießen. Heute lehrt er an der Pädagogischen Hochschule in Schwäbisch Gmünd Philosophie und Ethik.

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