Die "Erhöhte Abstufung" von Claus Bury. FOTO: SCHEPP
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Die "Erhöhte Abstufung" von Claus Bury. FOTO: SCHEPP

Lebensachse mit 15 Kunstwerken

  • Christoph Hoffmann
    vonChristoph Hoffmann
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Gießen(chh). Es gibt unzählige Arten von Kunst. Und dabei kaum Grenzen. Es gibt Menschen, die behaupten, alles sei Kunst, und jeder sei ein Künstler. Fakt ist: Das, was von der breiten Masse als Kunst deklariert wird, findet sich häufig in Galerien. Die müssen aber nicht zwangsweise hinter Mauern verborgen sein. Der Gießener Kunstweg zum Beispiel, der eine Sammlung der Justus-Liebig-Universität darstellt, umfasst insgesamt 15 Kunstwerke, die auf einer Strecke von gut einem Kilometer zu begutachten sind. Der 1982 von Gottfried Boehm, damals Professor für Kunstgeschichte an der JLU, initiierte Kunstweg verläuft entlang der Mensa, der UB sowie am Philosophikum I und II.

Provokation und Protest

"Als Boehm 1980 nach Gießen kam, so berichtet er in einem späteren Artikel, fand er eine bedauerliche Situation vor, da ›die Stadt ein Ort fast ohne Kunst war‹", erklärt Alissa Theiß, Sammlungskoordinatorin der JLU.

Die Platzierung des Kunstwegs geschah dabei nicht zufällig. "Boehm bezeichnete die Wegführung zwischen Mensa, UB und Seminarräumen als ›Lebensachse, um die sich leibliches und geistiges Tun und Wohlergehen organisieren‹", sagt Theiß. "Hier finden sich Werke international angesehener Künstler, die die unterschiedlichen Skulptur-Auffassungen der letzten vier Jahrzehnte erfahrbar machen."

Der "Wiehernde Hengst" von Gerhard Marcks steht schon seit 1974 vor dem Philosophikum I und ist damit älter als der Kunstweg selbst. Das Bronzepferd ließ sich aber gut in das Gesamtkonzept integrieren. "Der Kunstweg wurde als Experimentier- und Erfahrungsfeld angelegt. Eine Intention war, eine Anleitung zum Gebrauch von Kunst zu geben, für die kein Vorwissen nötig ist, sondern nur Offenheit, Neugier und der Mut, seine eigenen Sinne zu gebrauchen, sich einzulassen", sagt Theiß.

Dass der Kunstweg provoziert, ist also beinahe schon programmatisch. Daran hat sich auch bis heute nicht viel geändert, wie die Diskussionen im Zuge des Umbaus im Bereich Philosophikum II und UB gezeigt haben, wo es unter anderem um die Versetzung bestimmter Kunstwerke ging.

Folgt man von der Innenstadt kommend dem Fußweg entlang des Klingelbach, erreicht man auf Höhe des Studentenwerks als erstes die "Erhöhte Abstufung" von Claus Bury, die im Januar im Beisein des Künstlers von ihrem ursprünglichen Standort in der Mitte des Kunstwegs hierher versetzt wurde und jetzt seinen Anfang markiert.

Bis auf Peter Knapps "Marmor Nr. 126" und HAP Grieshabers Druckstöcken "Josefslegende", die sich in der UB befinden, sind alle Kunstwerke frei zugänglich und laden zum Gebrauch der Sinne und zum Verweilen ein, wie die Sitzbänke der "Erhöhten Abstufung" oder der "Stein zur Meditation" von Karl Prantl. Das "Räderwerk Nord" von Vincenzo Baviera gibt hingegen Geräusche von sich, wenn man an den Radgebilden dreht.

Die Legende vom "Mann im Turm"

"Um den ›Mann im Turm‹ von Stephan Balkenhol vor der Mensa ranken sich sogar Legenden", erzählt Theiß. "Wer unter ihm hindurchgeht, laufe Gefahr, das Studium niemals zu beenden, erzählt man sich." Die 1992 aufgestellte Holzskulptur, die von einigen auch "der ewige Student" genannt wird, hat einen festen Platz im studentischen Leben. Öfters wurden ihr T-Shirts übergestreift, die sich mit Slogans z. B. gegen Studiengebühren aussprachen und, wie im Jahr 2006, für Solidarität und freie Bildung warben. Anfang dieses Monats war der "Mann im Turm" mit einer Forderung für längere Mensa-Öffnungszeiten angetan. Eine Mund-Nasen-Maske trug der "Mann im Turm" dabei allerdings nicht.

"Es ist nicht damit getan, diese Skulpturen abzustellen, man muss mit ihnen arbeiten", hat Boehm einst gesagt. Diese Forderung hat nichts an ihrer Aktualität eingebüßt, findet auch Theiß - "auch wenn sich der Kunsthistoriker das ›Arbeiten‹ mit den Kunstwerken sicher anders vorgestellt hat."

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