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Leben mit Widersprüchen

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Von: Christoph Hoffmann

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Thomas Kirchhof ist Heilpraktiker und hat ein Faible für alte Rechenmaschinen. Dem Gießener ist dieser Widerspruch bewusst.	FOTO: CHH
Thomas Kirchhof ist Heilpraktiker und hat ein Faible für alte Rechenmaschinen. Dem Gießener ist dieser Widerspruch bewusst. FOTO: CHH © Oliver Schepp

Thomas Kirchhof passt in keine Schublade. Der Gießener ist studierter Wissenschaftler und Technikliebhaber. Gleichzeitig glaubt er, mit alternativer Medizin Menschen heilen zu können. Das hindert ihn aber nicht daran, mit seinen Heilpraktiker-Kollegen teils hart ins Gericht zu gehen. Ohnehin nimmt der 60-Jährige kein Blatt vor den Mund.

Die Leidenschaft von Thomas Kirchhof nimmt eine ganze Schrankwand ein. In jedem Fach steht eine alte Rechenmaschine. Kirchhof hat Dutzende dieser aus Zahnrädern und Walzen bestehenden Geräte in seinem Büro stehen. »Meine Frau sagt, ich sei verrückt«, sagt der Gießener mit Blick auf seine Sammlung. Und fügt dann achselzuckend hinzu: »Sie hat recht.« Der 60-Jährige ist zum einen von der Ingenieurskunst fasziniert. Zum anderen aber sieht er in den Rechenmaschinen Zeugnisse eine besseren Zeit. Als die Technik noch ein Helfer des Menschen gewesen sei. Und nicht sein Konkurrent. Kirchhofs Faible für diese mathematischen Geräte ist deshalb so bemerkenswert, weil es so gar nicht zu seinen anderen Aktivitäten passt. Denn der 60-Jährige ist nicht nur Mitarbeiter einer Bäckerei und Vorsitzender des BID Marktquartier. Er verdient sein Geld auch mit alternativer Medizin.

Kirchhof ist in seiner Jugend viel herumgekommen. »Mein Vater hat sein Geld damit verdient, schlechte Reformhäuser zu kaufen, daraus gute Reformhäuser zu machen und sie dann wieder zu verkaufen.« Ein ertragreiches Geschäftsmodell. Es führte aber auch dazu, dass die Familie oft umziehen musste. »Frankfurt, Laubach, Bad Vilbel und wieder Frankfurt. Wir haben in ganz Hessen gewohnt.«

Zum Studieren ging es dann nach Gießen. Die Stadt gefiel ihm auf Anhieb, das Chemiestudium hingegen nicht. Oder, wie Kirchhof es formuliert; »Es war todlangweilig, nervtötend, ätzend, einfach schlimm.« Also sattelte er um und machte seinen Abschluss in Biologie. Sein Professor fragte ihn dann, ober mit nach Brasilien gehen und dort seine Doktorarbeit schreiben wolle. Ein verlockendes Angebot. »Ich hatte aber gerade ein tolles Mädel kennengelernt«, erzählt Kirchhof. Also lehnte er ab. Eine gute Entscheidung: Das »Mädel« von einst ist heute, 35 Jahre später, seine Ehefrau.

Da Kirchhof in der Biologie und der drohenden Zeitvertragsmühle keine Perspektive sah, trat er in die Fußstapfen seines Vaters. Er kaufte ein Reformhaus in Bad Nauheim, brachte es auf Vordermann und verkaufte es wieder. Dann das gleiche in Marburg. Ende der 80er Jahre gründete er zudem in der Gießener Marktstraße ein Reformhaus. Dieses Mal nicht mit dem Ziel, es wieder zu verkaufen. Es sollte seine Basis werden.

»Mir hat die Arbeit im Reformhaus Spaß gemacht«, sagt der 60-Jährige. Mit der Zeit habe er sich aber immer stärker eingeengt gefühlt. Kräuter und Pflanzensäfte zu verkaufen ist das eine, Kirchhof jedoch wollte den Menschen bei gesundheitlichen Problemen von Grund auf helfen. »Ich musste aber oft den Mund halten, weil es ohne staatliche Erlaubnis verboten ist, heilerisch tätig zu werden.« So beschloss er, sich zum Heilpraktiker ausbilden zu lassen.

Das kleine Büro, in dem Kirchhof seine Rechenmaschinen sammelt, ist auch gleichzeitig seine Praxis. Die technischen Geräte und die Fläschchen mit pflanzlichen Tinkturen passen jedoch nicht so ganz zusammen. Die Rechenmaschinen sind geradezu ein Symbol für Kausalität, die feine Mechanik sorgt dafür, dass eins plus eins stets zwei ergibt. Die Methoden der alternativen Medizin hingegen sind weit weniger kausal. Kirchhof weiß um diesen Widerspruch. Er glaubt trotzdem, dass sie in vielen Bereichen, zum Beispiel bei chronischen Schmerzen, Linderung verschaffen können. »Ich versuche, die Sache nicht ideologisch anzugehen. Manchmal funktionieren Dinge eben, die man nicht erklären kann.« Natürlich auch wegen des Placebo-Effekts. »Aber wenn es hilft, soll es mir recht sein.«

Kirchhof ist also kein Dogmatiker. Er kann auch nachvollziehen, dass sein Beruf nicht den besten Ruf hat. »In der Branche herrscht ein regelrechter Wildwuchs«, sagt der Gießener und meint zum Beispiel obskure »Wunderheiler«, die mit Handauflegen schwerste Krankheiten bekämpfen wollen. Kirchhof selbst hingegen setzt zum Beispiel auf Ernährungsberatung und Blutegeltherapie. Im Gegensatz zu vielen Kollegen sieht zwar auch er einige Aspekte der Schulmedizin kritisch, er verteufelt sie aber nicht per se. »Beides hat seinen Platz. Wenn ich einen Autounfall habe, will ich von einem Chirurgen behandelt werden. Und nicht von einem Heilpraktiker.«

Diese Sichtweise dürfte einigen Kollegen nicht gefallen. Ohnehin ist Kirchhof jemand, der aneckt. »Ich habe den Ruf, bissig zu sein«, weiß der Gießener. Er trage sein Herz nun mal auf der Zunge und schere sich nicht darum, was andere von ihm denken. »Wenn ich etwas schlecht finde, sage ich das auch.«

Dem 60-Jährigen gefällt zum Beispiel nicht, wenn Gießener ihre Heimatstadt immerfort schlechtreden. »Das war schon zu meiner Studentenzeit so. Damals haben alle immer Büchner zitiert.« Kirchhof kann der Behauptung des Schriftstellers, Gießen zeichne »eine hohle Mittelmäßigkeit in allem« aus, nicht viel abgewinnen. »Gießen ist eine tolle Stadt mit sehr viel Potenzial. Hier lebt es sich richtig gut.« Dafür setzt er sich auch persönlich ein.

Die Eröffnung der Galerie Neustädter Tor im Jahre 2005 trieb vielen Einzelhändlern Sorgenfalten auf die Stirn. Um gegen den Konsumtempel bestehen zu können, gründeten sich mehrere »Business Improvement Districts«, unter anderem auch das BID Marktquartier. Kirchhoff ist von Beginn an Vorsitzender, auch wenn er sein Reformhaus in der Marktstraße schon vor elf Jahren verkauft hat. Er steht also an der Spitze einer Geschäftsgemeinschaft, ohne ein eigenes Geschäft zu betreiben. Aber das macht nichts, sagt Kirchhof, im Gegenteil: »Manchmal hilft der Blick von außen.«

Kirchhof ist zufrieden mit dem Erreichten. Die Erfolge seien sichtbar, Gießen gehe es mit Blick auf den innerstädtischen Einzelhandel besser als vielen vergleichbaren Städten. »Auch wenn die Erfolge meist darin liegen, Schlimmes zu verhindern«, sagt der 60-Jährige. Nach all den Jahren würde er trotzdem gerne etwas kürzertreten. »Es wäre schön, wenn Jüngere mal das Geschirr anlegen würden.« Bisher habe sich aber niemand gefunden. Daher wird Kirchhof weitermachen. »Weil ich das Umfeld, in dem ich lebe, lebenswert halten will.«

Kirchhofs Einsatz für die Innenstadt ähnelt in gewisser Weise seinen Rechenmaschinen: Die einzelnen Komponenten sind zu Erstaunlichem imstande. Für das richtige Ergebnis bedarf es aber eines Jemand, der an den richtigen Rädchen dreht.

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