Das Gemälde "Dorfausgang" von Lotte bezieht seine innere Spannung aus der Gegenüberstellung von Natur und dörflicher Architektur. FOTOS: ARCHIV/KNOSSALLA/OBERHESSISCHES MUSEUM
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Das Gemälde "Dorfausgang" von Lotte bezieht seine innere Spannung aus der Gegenüberstellung von Natur und dörflicher Architektur. FOTOS: ARCHIV/KNOSSALLA/OBERHESSISCHES MUSEUM

Leben voller Chaos und Tragik

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Das Bild "Dorfausgang" im Oberhessischen Museum erinnert an die Malerin Lotte Bingmann-Droese. Sie gelangte in Gießen zu künstlerischem Ruf. Ihr Leben und Werk vorzustellen ermöglicht unsere lose Artikelfolge über die Schätze der Gemäldesammlung im Oberhessischen Museum.

Manche Künstler gelangen erst über Umwege zu ihrer eigentlichen Bestimmung, und diese Umwege können oft seltsam verschlungen und voller Hindernisse sein. Lotte Bingmann-Droese (1902 bis 1963) ging einen solchen Weg. Sie war eine außergewöhnliche Frau, eine starke Persönlichkeit, deren Leben tragische Züge aufwies. In den Dreißigerjahren des vorigen Jahrhunderts hatte sie damit begonnen, sich ihren Platz auf dem von Männern beherrschten Terrain der Malerei zu erobern. In Gießen, ihrer Wahlheimat, verbrachte die aus der Nähe von Danzig stammende Malerin die Hälfte ihres Lebens und erwarb sich hier einen bedeutenden künstlerischen Ruf. Seit der Gründung 1943 war sie Mitglied im Oberhessischen Künstlerbund. Bis heute ist sie unvergessen.

In der Dauerausstellung des Oberhessischen Museums findet sich ein Gemälde von ihr, das von einem eigentümlichen Zauber umgeben ist. Es trägt den Titel "Dorfausgang", obwohl es eigentlich einen Dorfeingang zeigt, weil der Betrachter ins Dorf hineinschaut. Leider ist nicht bekannt, wann es entstanden ist. Das überwiegend in Erdtönen gehaltene Bild drückt eine tiefe Erd- und Naturverbundenheit aus und verweist gleichzeitig auf die Entwicklung der Malerin, die nach einer Begegnung mit Christian Rohlfs Malerei bei Fritz Pfuhle in Danzig studierte und deren Anfänge zwischen spätem Naturalismus, Impressionismus und Expressionismus gesucht werden müssen. In ihren frühen Landschaftsdarstellungen stand Paul Cézanne (1839 bis 1906) mit seiner Bildauffassung Pate, wonach Landschaften aus einem Gefüge farbiger Flecken gebildet werden und das Auge demzufolge nicht Dinge oder Eigenschaften wahrnimmt, sondern lauter farbige Eindrücke.

Eine ähnliche Auffassung liegt auch dem Gemälde der Gießener Sammlung zugrunde. Von Bedeutung sind dabei die Farbwahl und die Hell-Dunkel-ontraste. Zunächst folgt der Blick einer breiten Dorfstraße, die der Lichtquelle im Hintergrund zustrebt. Von dort kommt ein heller Schein, der die Szenerie gleichsam mit Licht flutet und einzelne Stellen aufleuchten lässt. Auch die Häuser sind mit ihren hellen Mauern und ziegelroten Dächern deutlich hervorgehoben, doch ihre Architektur wirkt flächig wie eine Bühnenkulisse vor dem Hintergrund der mächtig wogenden Natur. In Farbwolken aus Braun, Ocker, Grau und Grün wölben sich nämlich über den Dächern die Kronen der Dorfbäume.

So ist eine dichte Farbstruktur entstanden, die neue Beziehungen untereinander herstellt. In dieses Konzept fügt sich auch im Vordergrund die Frauenfigur ein, deren Gestalt nur mit Umrissen lose erfasst ist. Das übergeordnete Thema des Bildes sind der Gegensatz oder auch der Einklang von Natur und dörflicher Architektur.

Durch ihren Verlobten Fritz Heidingsfeld, der an der Gießener Universität Kunstgeschichte studierte, kam Lotte Droese 1931 von Danzig nach Gießen. Doch die Verlobung löste sich wieder auf, weil sie ihren späteren Mann, den Kunsthistoriker Klaus Bingmann, kennenlernte. Der Kriegsheirat 1941 folgte bald die Trennung: Bingmann musste als Soldat nach Russland und galt seit 1944 als vermisst. Im gleichen Jahr verlor die Malerin bei der Bombardierung Gießens nicht nur ihre Wohnung in der Ostanlage, sondern auch die meisten ihrer Werke. Ohne Dach über dem Kopf fand sie vorübergehend eine Bleibe in Schotten.

Künstlertreffen in der Stephanstraße

Erst der Krieg und das erlebte Chaos entschieden über Lotte Bingmann-Droeses Berufung, schrieb Dr. Peter Petersen in einem Beitrag der Gießener Hochschulgesellschaft ein Jahr nach dem Tod der Malerin: "Sie musste erst alles durchstehen, was Menschenschicksal ist, ehe sie zum Eigentlichen ansetzen konnte, erst Tod des Mannes, Verlust der Habe und Verbannung in engste Verhältnisse erfahren, ehe sie als Künstlerin zur eigenen Aussage gelangen konnte."

Nach dem Krieg begann ihre produktivste Phase. Ihre Motive waren jetzt Menschen in Landschaften, Frauen, Kinder, Tiere und in immer wiederkehrenden Erinnerungen an die heimatliche Ostseeküste. In jenen Jahren lebte sie mit ihrer Mutter Olga in einer Dachgeschosswohnung in der Stephanstraße 44, die trotz der beengten Verhältnisse zum beliebten Treffpunkt etlicher Künstlerfreunde wurde.

1951 wurde eine Schüttellähmung (Parkinson) bei Lotte Bingmann-Droese diagnostiziert, und als sich in den Jahren nach 1954 die Krankheit verschlimmerte, fühlte sie sich oft vereinsamt, deprimiert und verkannt. 1963 starb sie an den Folgen ihrer Krankheit.

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