Wort zum Sonntag

Leben unter Vorbehalt

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Was hatten wir nicht alles schon geplant für dieses Jahr! Urlaube gebucht, zu großen Feiern eingeladen - Stimmung und Vorfreude waren gut. Die Unternehmen hatten zuversichtlich ihre Umsatzziele festgelegt, die Steuerschätzung versprach einen gewissen Spielraum für das staatliche Handeln. Junge Menschen hatten ihren Schulabschluss vor Augen, die anschließende Reise durch die Welt war ein lohnendes Ziel. Manche hatten einen beruflichen Neuanfang im Sinn. Alles war gecheckt, terminiert und eigentlich in trockenen Tüchern.

Bis dieses kleine, fiese Virus kam und die Welt eroberte. Da stimmte plötzlich gar nichts mehr. Niemand wusste mehr, was jetzt richtig sei. Verlässliche Planung war nicht mehr möglich. Die Furcht vor dem Tod rückte uns ganz nah.

Corona ist nicht in der Ferne geblieben, sondern wütet mitten unter uns. Wir erleben auf der ganzen Welt dieselbe Katastrophe. Das ist nun nicht mehr das Problem der anderen. Es ist meins, deins und unseres.

Mir springt eine Zeitungsüberschrift ins Auge: "Leben unter Vorbehalt". Ein Psychologe erklärt, dass genau das das neue Lebensgefühl sei. Die fehlende Sicherheit macht vielen Angst. Aber war das denn nicht schon immer so? Es ist eine tiefe Einsicht des Christentums, dass das Leben uns Menschen nicht verfügbar ist. Es ist ein Geschenk Gottes. Er gibt es uns für bestimmte Zeit, und er nimmt es uns wieder, wenn es Zeit ist (Psalm 104). Wir leben aus Gnade - nicht aufgrund unserer Leistung oder unseres Verdienstes.

"So Gott will, und wir leben!" So haben die Alten früher jede Verabredung und jedes Vorhaben über einen längeren Zeitraum kommentiert. Sie hatten wohl noch ein unmittelbares Gespür dafür, wie zerbrechlich und gefährdet menschliches Leben ist. Gerade deshalb wussten sie aber auch um die Schönheit und den Wert des Lebens. Wenn es was zu feiern gab, dann wurde auch gefeiert.

Vielleicht begreifen wir in der Krise, dass unser Leben nicht komplett abzusichern ist. Und vielleicht lernen wir auch, das Leben voller Vertrauen und Gelassenheit so zu nehmen, wie es ist: Schwer und traurig einerseits und dann wieder leicht und fröhlich.

Klaus Weißgerber

Ev. Gesamtkirchengemeinde Gießen Nord

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