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Leander Fischer liest aus »Die Forelle« für LZ Gießen

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Von: Sebastian Schmidt

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Leander Fischers Debütroman »Die Forelle« hat fast 800 Seiten. Er selbst lässt sich von langen Büchern aber nicht »erpressen«. Was Fischer auf den ersten fünf bis zehn Seiten nicht überzeugt, wird weggelegt. © Red

Leander Fischer verrät, warum sein Buch vom Fliegenfischen in der österreichischen Provinz erzählt: Weil kein anderes Thema funktionierte.

Herr Fischer, wie würden Sie »Die Forelle« einem unbedarften Leser anpreisen?

Das ist schwierig zu beantworten, denn ich habe eine Aversion gegen den Begriff des »unbedarften Lesers«. Meiner Meinung nach gibt es keinen unbedarften Leser - und wenn, kann ich ihn wahrscheinlich als letzten überzeugen, »Die Forelle« zu lesen. Ansonsten würde ich mein Buch wie Musikalben anpreisen: Wenn Sie David Foster Wallace und Thomas Bernhard mögen, könnte Sie auch »Die Forelle« interessieren.

Fast 800 Seiten hat ihr Debütroman. Spielt die Länge eines Buches für Sie eine Rolle?

Überhaupt nicht. Wenn ich mir speziell ein Buch für eine Bahnfahrt kaufe - vielleicht, aber ansonsten nicht. Ein langes Buch ist natürlich bis zu einem gewissen Grad eine Art Erpressung. Und man muss sich fragen, ob man so viel Zeit dafür investieren will. Deswegen habe ich auch irgendwann aufgehört, Bücher zu lesen, wenn sie mich nicht auf den ersten fünf bis zehn Seiten packen.

Schule, Studium des kreativen Schreibens, Mitarbeit in einer Literaturzeitschrift und nun das erste Buch. Das klingt nach einem gradlinigen Lebenslauf.

Ja. Ich habe mir schon früh in den Kopf gesetzt, ich glaube mit 17, dass ich gerne Bücher schreiben würde, auch mit dem Ziel, ein Schriftsteller zu werden. Schon in meiner Jugend waren Bücher das für mich prägendste Medium, wie es für andere das Kino war.

Fliegenfischen in Österreich populär

Können Sie als Schriftsteller bereits von Ihrer Erstveröffentlichung leben?

Das kommt darauf an. Ich habe ziemlich viel Geld mit dem Buch verdient. Weniger über die Verkäufe, mehr über Preise und Stipendien. Davon kann man zehren, bis das nächste Buch fertig ist und - hoffentlich - ebenfalls Preise erhält. Von den Lesungen sind viele wegen Corona ausgefallen, was schade ist. Denn die muss man machen, um über die Runden zu kommen. Da ist aber zum Glück der österreichische Staat eingesprungen.

In Ihrem Buch ist das Fliegenfischen in Österreich ein wichtiges Motiv.

Ja. Zum einen, weil andere Themen, die ich ausprobiert hatte, nicht funktionierten. Zum anderen liegt es an meiner Herkunft. Österreich ist von den vielen Flüssen geprägt. Dazu gehören die Menschen, die dort fischen - wie mein Vater.

Fischen Sie denn auch selbst?

Ich habe das auch gemacht. Mein Vater nahm mich zum Fischen immer mal mit. Den Topos des Vater-Sohn-Angelns kennen ja viele.

Was ist für Sie der wichtigste Satz des Buches?

»Wir fischen anders.« Fischen ist in dem Buch eine Metapher für das Schreiben. Das ist auch der Anspruch, den ich an mich stelle: Sätze zu schreiben, die man woanders nicht findet, die nicht verbraucht sind.

Buch nicht am Reißbrett entstanden

Wem haben Sie das fertige Werk als Erstes zum Lesen gegeben?

Das Buch war mehrmals fertig. Die erste Fassung hatte ich meiner Freundin gegeben. Da war es noch 500 Seiten lang. Danach gehören meine Lektorin und meine beiden Lektoren beim Wallstein-Verlag zu den ersten Lesern.

Wollen Sie unterhalten oder auch eine Botschaft vermitteln?

Das Buch ist in seiner Entstehung weniger auf das Publikum fixiert, sondern stellt eine Verarbeitung meines literarischen Hintergrundes dar. Man kann sich das Buch als Produkt meines Studiums denken.

Entstand das Buch also am Reißbrett ?

Nein, so ist es nicht entstanden. Meine erste Skizze hatte sieben Teile, da hatte ich gerade 2666 gelesen. Dann habe ich mit dem mittleren Teil angefangen, was die Geschichte von Siegi Heehrmann ist. Das hat angefangen zu wuchern und ich habe die anderen Teile dann nie begonnen.

Wie lief der Schreibprozess ab?

Es gab ein dialektisches Verhältnis. Ich entwarf den Plot weiter, baute Handlungsbögen oder zeichnete eine Karte, wo die Geschichte überhaupt spielt. Dann schrieb ich ein bisschen und merkte, dass der Schreibprozess die Planung über den Haufen wirft. Also ging ich zurück in die Konstruktionsphase und plante erneut. Und dann schrieb ich wieder und so weiter. Alles fand nacheinander, miteinander und gleichzeitig statt.

Fischer will nicht »Die Forelle 2« schreiben

Haben Sie viel für das Buch recherchiert oder vor allem vorhandenes Wissen einfließen lassen?

Von beidem ein bisschen. Es gibt das gralartige Credo des kreativen Schreibens: »Write what you know.« Deswegen habe ich angefangen, davon zu schreiben, wovon ich bereits viel wusste. Irgendwann wird das Schreiben so wichtig, dass es in die normale Lesegewohnheit einfließt. Da kauft man dann Bücher, die man sonst nicht kaufen würde. Ich konnte zum Beispiel einen Essayband über Kurt Waldheim plötzlich nicht mehr im Bücherladen liegen lassen. Man liest nicht zu Recherchezwecken, sondern recherchierend liest man.

Arbeiten Sie bereits an einem neuen Buch?

So ein bisschen. Ich bin in einer Phase, in der ich Sachen anschreibe und merke, dass ich doch mehr Lust habe, etwas anderes zu schreiben. Worauf ich aber überhaupt keine Lust habe, ist »Die Forelle 2« zu schreiben. Ich habe das Gefühl, dass ich etwas Neues schreiben soll. Und ich bin Literatur-Traditionalist. Ich muss also meine Lektüregewohnheiten umkrempeln. Also ja, ich schreibe. Ich würde aber noch nicht sagen, ich schreibe an einem neuen Buch.

Was meinen Sie mit »Literatur-Traditionalist«?

Darunter verstehe ich, dass Schreiben immer mit Lesen anfängt. Man muss zum Schreiben produktive Lese-erfahrungen machen, wie zum Beispiel durch wichtige Werke der klassischen Moderne.

Welche Titel waren für Sie am wichtigsten?

»Absolom, Absolom!« von William Faulkner ist weit abgeschlagen auf Platz eins. Das ist ein Buch, das mich absolut umgehauen hat. Danach wird es schon schwieriger. »Die Akazie« von Claude Simon war eine wichtige Lektüre, als ich mein Buch geschrieben habe. Und als Drittes würde ich »Wittgensteins Neffe« von Thomas Bernhard nennen.

Heute: LZG-Lesung im Livestream

Leander Fischer wurde 1999 in Österreich geboren und ging dort zur Schule. Danach studierte er in Hildesheim Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus. 2019 nahm Fischer am Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb teil und erhielt den Deutschlandfunk-Preis. 2020 veröffentlichte er seinen Debütroman »Die Forelle« im Wallstein-Verlag. Im Oktober 2020 landete er damit auf dem ersten Platz der ORF-Bestenliste. Fischer erhielt außerdem den Debütpreis des Österreichischen Buchpreises. Heute, 30. März, stellt der Autor seinen Roman im Rahmen einer Lesung mit anschließendem Gespräch auf Einladung des Literarischen Zentrums Gießen vor. Die Veranstaltung findet aufgrund der Corona-Pandemie digital statt, beginnt um 19:30 Uhr und ist kostenfrei. Den Zugangslink findet man kurz vor der Lesung auf der Homepage des LZG (www.lz-giessen.de).

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