Fünf Kunstvermittler der Kunsthalle in der aktuellen Ausstellung von Hélène Delprat: (v. l.) Mara Unger, Tatjana Wild, Fabian Stein, Sina Berger und Silvia Trentin. FOTO; SCHEPP
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Fünf Kunstvermittler der Kunsthalle in der aktuellen Ausstellung von Hélène Delprat: (v. l.) Mara Unger, Tatjana Wild, Fabian Stein, Sina Berger und Silvia Trentin. FOTO; SCHEPP

Lasst uns über Kunst reden!

  • Karola Schepp
    vonKarola Schepp
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Sechs Kunstvermittler sind bei den Ausstellungen in der Kunsthalle im Einsatz. Sie bieten keine Führungen nach Schema-F, sondern ein individuelles Gespräch mit den Besuchern. Schließlich erklärt sich gerade zeitgenössische Kunst nicht immer von allein.

Wer Ausstellungen besucht, hat oft die Gelegenheit, mithilfe eines Audioguides von Kunstwerk zu Kunstwerk geleitet zu werden. Die Kunsthalle Gießen geht bei ihren Ausstellungen aber einen ganz anderen Weg, der beim Publikum auch viel Zuspruch findet: Kunstvermittlungen im individuellen Gespräch. Sechs Kunstvermittler stehen an festgelegten Terminen zur Verfügung, ohne Anmeldeverpflichtung oder Kosten für die Besucher, aber mit jeder Menge Wissen über die jeweiligen Künstler und ihr Werk im Gepäck. Nur wer sich beim Zusatzangebot "Kunst und Kaffee" informieren will, zahlt 2,50 Euro und muss sich vorab anmelden.

Und dabei gibt es immer wieder auch für die Kunstpädagogen und Kunsthistoriker aus dem Team von Kunsthallenleiterin Dr. Nadia Ismail Neues zu entdecken. So erzählt Kunstvermittlerin Tatjana Wild von einer Begegnung vor einem der großformatigen Bilder in der aktuellen Ausstellung. Sie selbst habe sich dabei immer auf die hellen Flächen am Rande fokussiert, erst eine Besucherin habe ihren Blick darauf gelenkt, dass in der Mitte eine Vulkanlandschaft zu entdecken ist. "Das war mir gar nicht aufgefallen", freut sich die Kunstvermittlerin, die gerade wegen solcher Episoden das freie Gespräch mit den Besuchern viel schöner findet als eine klassische Führung. "Das Format lebt davon, dass es sich immer wieder verändert", betont Ismail.

Wer die Kunsthalle besucht, tut dies aus den unterschiedlichsten Gründen. Und entsprechend bunt gemischt sind auch die Gäste der Kunstvermittler. Das reicht von Touristen, die Station in der Kunsthalle machen, bis zur russischen Bloggerin, die sich, wie Silvia Trentin erinnert, kürzlich mit ihrem Gefolge in der Kunsthalle filmte. Aber es gibt auch die Wartenden, die im Rathaus einfach nur Zeit überbrücken und nicht lange zugetextet werden wollen, oder eben auch die große Zahl der Kunstaffinen, die es mögen, sich etwas über Kunst erzählen zu lassen und die Angebote regelmäßig nutzen. Schließlich erklärt sich zeitgenössische Kunst oftmals nicht von allein und die Kunsthalle bietet mit ihrer Ausstellungsvielfalt viele Anregungen. Ein Blick ins Gästebuch zeigt, dass das Angebot honoriert wird. "Wie schön, dass sie das machen", hörten sie häufig von den Besuchern, erzählen die Kunstvermittler.

Und auch wenn mal jemand mit einer Ausstellung so gar nichts anfangen kann oder mit einzelnen Werken hadert, dann können die Kunstvermittler auch damit gut umgehen. So hätten etwa bei der Ausstellung von Katja Stuke und Oliver Sieber zahlreiche Besucher Gesprächsbedarf zu den Porträts japanischer Subkulturen gehabt. "Da gab es viele Diskussionen", erinnert sich Tatjana Wild. "Politik, Sex, Religion", das seien generell Themen, die immer wieder zeigten, dass bei Menschen die Grenzen sehr fein ausfallen können und Diskussionen entfachten, hat Nadia Ismail beobachtet.

Auch Kunsthistoriker Fabian Stein, der schon seit 2009 im Team ist und bei dem Angebot "Kaffee und Kunst" viele Fans hat, kennt solche Skepsis mancher Besucher gegenüber zeitgenössischer Kunst. Er erinnert sich noch an eine Ausstellung von Gerhard Merz. Es gab nur eine dunkel gestrichene Decke, viele Neonröhren und eine Videoarbeit. "Da können 45 Minuten schon ganz schön lang werden", habe er vor seiner ersten Führung gedacht. Aber auch die sei von den Besuchern dankbar angenommen worden, "auch wenn sie im Anschluss keine Merz-Galerie besichtigen wollten."

"Das Dazulernen hört eigentlich nie auf", meint Sina Berger. Sie wird am heutigen Samstag ab 15 Uhr zu den Werken von Hélène Delprat mit Besuchern ins Gespräch kommen. Wie auch die anderen Kunstvermittler nutzt sie bei den Vernissagen und Pressevorabbesichtigungen die Gelegenheit, sich über die neuen Ausstellungen und das, was letztendlich ausgestellt wird, zu informieren - zusätzlich zu den von der Kunsthalle zur Verfügung gestellten Materialien und eigenen Recherchen. "Eine Vernissage ist schon eine gute Gelegenheit, mit den Leuten ins Gespräch zu kommen", ist sich Berger sicher. Und ihre Kollegin Mara Unger freut sich, dass sich die Kunsthalle zu jeder Ausstellung immer wieder überraschend präsentiert. Es gibt also noch viele Anlässe zur "Kunstvermittlung im individuellen Gespräch".

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