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Christian Pöpken führt die Besucher unter anderem in den Karteienraum des Stadtarchivs. FOTO: CSK

"Tag der Archive"

Im Langzeitgedächtnis der Stadt

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Zwischen uralten Akten schlummern immer noch Überraschungen. Das ist eine Erkenntnis beim "Tag der Archive" im Gießener Stadtarchiv.

Niemand bekommt die Übeltäter zu Gesicht. Doch alle wissen jetzt von ihnen. Dass es Bücherwürmer gibt, ist ja nichts Neues. Aber Papierfischchen? Einen Moment lang schweigen die Besucher im Stadtarchiv am Samstagmittag verdutzt. Dann beginnen manche, vorsichtig zu schmunzeln. "Im Grunde sind das zu groß gewordene Silberfischchen", erklärt Archivleiter Christian Pöpken. Was lustig klingt, kann durchaus ein Problem werden. Am "Tag der Archive" belegt die Geschichte rund um die unerwünschten Eindringlinge allerdings irgendwie auch, dass in vermeintlich staubigen Kellermagazinen, zwischen uralten Akten, nach wie vor Überraschungen schlummern.

Von Bücherwürmern und Papierfischchen

Um ihnen auf die Spur zu kommen, stehen die Interessenten bereits morgens Schlange. Kaum hat das Archiv seine Tür geöffnet, sind rund 30 Gäste da. Auf dem Flur schildert Pöpken, der Anfang Januar Ludwig Brake abgelöst hat, die Aufgaben seiner Institution. Anschließend geht es vom vierten Stock des Rathauses per Fahrstuhl in den Keller - tief hinein ins Langzeitgedächtnis der Stadt. Weil der Andrang so groß ist, bilden sich zwei Gruppen. Wer nicht zur ersten gehört, wirft im Lesesaal noch einen Blick auf die eigens für den bundesweiten Aktionstag konzipierte Ausstellung "Von der Depesche bis zum Tweet".

Unten präsentiert Pöpken derweil einige Kostbarkeiten des Hauses. Den Anfang macht eine Urkunde von Landgraf Otto I. von Hessen, datiert auf das Jahr 1325. Es folgen so unterschiedliche Quellen wie ein Brief von Justus Liebig, ein Dokument mit Hitlers Unterschrift und historische Entwürfe des Bahnhofsplatzes. Generell, lernen die Besucher, beherbergt das Stadtarchiv eher wenige Urkunden, dafür viele Amtsbücher. Als jemand nach "Material zu Georg Büchner und seiner Zeit" fragt, verweist Pöpken auf das Staatsarchiv in Marburg und das JLU-Archiv: "Wir haben dazu eher weniger."

Zwischen die historischen träufelt der Stadtarchivar immer wieder organisatorische und technische Aspekte. Stichwort äußere Bedingungen: Damit die Archivalien keinen Schaden nehmen, müssen Temperatur und Luftfeuchtigkeit konstant sein, bei etwa 18 Grad sowie 40 bis 60 Prozent. Und Stichwort Raumökonomie: Rollregale animieren ihre Benutzer nicht nur zum fröhlichen Kurbeln - sie sparen außerdem jede Menge Platz. Andere Details, etwa, dass Archivkartons stets säurefrei zu sein haben, erklären sich im Grunde von selbst.

"Judenkartei" der Nazis

Vom Magazin führt der Weg weiter in den Karteienraum. Die Meldekartei sei einer der größten Kriegsverluste, sagt Pöpken. Teilweise oder vollständig erhalten seien hingegen Personenstandskartei, Steuerkartei, Polizeikartei und "Judenkartei". Letztere war von den Nazis aufgebaut worden, um die Informationen über Juden zu bündeln. Auch das ist eben Geschichte: Der Rassenwahn in bürokratischem Gewand. Eine Frau fragt noch nach historischen Adressbüchern. Ja, die habe man in großer Zahl, antwortet Pöpken. "Und sie sind eine tolle Quelle." Fast schon als Angebot lässt sich auffassen, was Dieter und Ilse-Marie Weiß erzählen. Das Paar hat Protokollbücher über Vorstandssitzungen des TSV 05 Allendorf/Lahn für die Nachwelt bewahrt und per Computer transkribiert. Besonders die Originale, so Pöpken, seien für das Archiv interessant.

Apropos Computer: Der Sprung ins digitale Zeitalter gehört natürlich zu den vorrangigen Aufgaben der Zukunft. Ein Online-Findmittel, also eine im Internet für jedermann zugängliche Datenbank, steht längst ganz oben auf der Agenda. Außerdem habe man bisher keine Möglichkeit, elektronische Akten sicher zu archivieren, so Pöpken. Das Stadtarchiv behilft sich hier einstweilen mit Sicherungskopien auf Servern.

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