Blick vom Innenhof auf die Feuerwache in der Steinstraße. Hier könnte nach dem Auszug der Berufsfeuerwehr ein Kulturgewerbehof entstehen. FOTO: SCHEPP
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Blick vom Innenhof auf die Feuerwache in der Steinstraße. Hier könnte nach dem Auszug der Berufsfeuerwehr ein Kulturgewerbehof entstehen. FOTO: SCHEPP

Langer Atem erforderlich

  • Karola Schepp
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Im August wurde eine Machbarkeitsstudie zur Umnutzung der Feuerwache in der Steinstraße als Kulturgewerbehof in Auftrag gegeben. Nun liegt sie vor. Sie zeigt auf 75 Seiten, was alles in dem sechsstöckigen Gebäude entstehen kann. Doch bis die ersten Künstler, Kreative und andere Kulturakteure dort einziehen können, wird es wohl bis 2024 dauern. Die Kreativszene braucht also auch weiterhin einen langen Atem.

Gießens breit aufgestellte, äußerst vielseitige und lebendige Kultur- und Kreativszene braucht Räume - um zu arbeiten, sich vernetzen zu können oder um ihre Werke präsentieren zu können. Und das dringend. Denn schon jetzt wandern immer wieder kreative Köpfe aus Gießen ab, weil sei hier kaum noch nutzbare und bezahlbare Räume für Ateliers, Werkstätten oder Proben finden können. Um Abhilfe zu schaffen, setzt sich Oberbürgermeisterin Dietlind Grabe-Bolz für die Errichtung eines Kulturgewerbehofes in der Feuerwache in der Steinstraße ein. Eine Machbarkeitsstudie wurde in Auftrag gegeben, in diversen Workshops konnte die Szene Ziele und Wünsche formulieren und die Kulturberatung Urbanautik/Raumstation hat bereits Vorarbeit geleistet. Es geht um einen zentralen Ort der Vernetzung, um eine "Denkfabrik" für kreative Köpfe aus Wirtschaft, Kultur und social entrepreneurship, für Co-Working, Start-ups, Initiativen, mit Raum für Tagungen, Veranstaltungen und Gäste.

2022 Umzug der Berufsfeuerwehr

Das Ergebnis der Machbarkeitstudie präsentierten nun Oberbürgermeisterin Grabe-Bolz, Kulturamtsleiter Dr. Stefan Neubacher, Prof. Isabel Finkenberger als Autorin der Studie von Studio if+ und Jan Buck von der heimischen Kulturgenossenschaft Raumstation3539, einem Zusammenschluss von kulturellen und sozialen Initiativen der Presse.

Was auf 75 Studienseiten detailliert beschrieben ist, lässt sich auf folgende Grunderkenntnisse zusammenfassen: Wenn im Laufe des Jahres 2022 die Berufsfeuerwehr von der Feuerwache in das neue Gefahrenabwehrzentrum umzieht und die Freiwillige Feuerwehr dort ihren Standort bezieht, könnte mit einer Sanierung begonnen werden. Mit einem Einzug kreativer Köpfe in das ehemalige Verwaltungsgebäude ist damit frühestens 2023, realistisch betrachtet wohl eher 2024 zu rechnen.

Um das sechsstöckige Haus barrierefrei und den Bedürfnissen der Kreativen entsprechend nutzbar zu machen, werden rund 1,7 Millionen Euro an Baukosten (zuzüglich Baunebenkosten) aufgebracht werden müssen. Voraussetzung wäre, dass möglichst bald ein Grundsatzbeschluss in der Stadtverordnetenversammlung gefasst wird, dass ein Kulturgewerbehof auch tatsächlich eingerichtet werden soll. Ein solcher Grundsatzbeschluss soll allerdings nicht mehr in der nächsten Sitzung (März 2021) auf die Tagesordnung gesetzt werden Sie halte es nicht für sinnvoll, einen solchen Beschluss nur zwei Wochen vor der Kommunalwahl auf die Tagesordnung zu nehmen, betont die Oberbürgermeisterin, hofft aber generell auf breite Zustimmung: "Schließlich wollen wir Kreative in Gießen halten."

Die vom Kölner Studio if+ ("Büro für Stadtentwicklung und räumliche Transformation") erstellte Machbarkeitsstudie spricht sich für die Variante aus, wonach die Stadt weiter Eigentümer von Grundstück und Immobilie bleibt, das Grundstück kostenfrei zur Verfügung stellt und die Immobilie mit einem möglichst langfristigen Nutzungsvertrag (50 Jahre mit Option auf Verlängerung) der Betreibergesellschaft überlässt.

Für Betrieb und Instandhaltung des künftigen Kulturgewerbehofes müsste dann eine geeignete Träger- und Betriebsstruktur gewählt werden. Dies könnten sowohl ein Verein als auch eine Genossenschaft sein. Damit sich der Kulturgewerbehof selbst trägt, müssten pro Jahr rund 140 000 Euro aufgebracht werden. Etwa ab dem dritten Jahr wäre laut der Machbarkeitsstudie eine kostendeckende Bewirtschaftung möglich.

Schlauchturm und Halle als Ressource

Um eine möglichst große Mischung der Nutzer zu ermöglichen, sollen die Mieten für Ateliers, Arbeits- und Büroräume etc., die im oberen Stockwerk und dem hinteren Teil des Gebäudes den Großteil des Raumkonzepts einnehmen, gestaffelt werden. Sie reichen von 3 bis rund 8 Euro pro Quadratmeter - angepasst an die Zahlungsmöglichkeiten der unterschiedlichen Nutzer.

Laut Machbarkeitsstudie ist es wichtig, Ressourcen zu teilen und mehrfach zu nutzen und den Kulturgewerbehof auch als zentralen Ort für Kreative und Ort der Begegnung zu etablieren. So ist etwa ein Reallabor als Raum für Workshops oder Kollaborationen vorgesehen. Im südlichen Gebäudeteil ließen sich großflächigere, flexibel nutzbare Räume einrichten, die auch als Schnittstelle zur Stadtgesellschaft fungieren können: ein Tanz- und Bewegungsraum, ein Raum für Experimente, ein Werk-Café mit Schnittstelle zu einem multifunktionalen Open-Foyer sind angedacht.

Bewusst noch nicht verplant sind Schlauchturm und Fahrzeughalle, die als Raumressource genutzt werden könnten. Die könnten, allerdings mit zusätzlichem Kostenaufwand, einer höherwertigen und dauerhaften Nutzung zugeführt werden.

"Die Machbarkeitsstudie ist noch keine Projektentwicklung", betont Isabel Finkenberger. Auf dem Weg zu einem Kulturgewerbehof gebe es noch viel zu tun. Für die Projektentwicklung sollen Kulturamt, Wirtschaftsförderung, Stadtplanungsamt sowie die Urbanautik/Raumstation zuständig sein. Die Stadt muss ein Lärmgutachten in Auftrag geben und die Finanzierung des Projekts im Haushalt sicherstellen.

Und auch Jan Buck von der Raumstation machte deutlich, dass es sich aktuell nur um einen ersten Schritt auf dem Weg zu einem Kulturgewerbehof handeln könne. Und dieser wiederum könne, angesichts des großen Bedarfs, auch nur den Grundbedarf decken. Man müsse sich überlegen, wie man darüber hinaus weitere Räume für Kulturtreibende und Kreativwirtschaft in der Stadt zugänglich machen könne.

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