Andreas Walthers Werk "Unbenannt#2" aus dem Jahr 2013 (jeweils 28 mal 42 cm). FOTO: PM
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Andreas Walthers Werk "Unbenannt#2" aus dem Jahr 2013 (jeweils 28 mal 42 cm). FOTO: PM

Landschaften unter Tage

  • Karola Schepp
    vonKarola Schepp
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"Ortlose Stille" heißt eine Ausstellung mit Landschaftsfotografien des Gießener Künstlers Andreas Walther im Museum unter Tage in Bochum - gemeinsam mit Arbeiten des Pariser Fotografen Bernard Descamps. Die Schau sollte eigentlich Anfang November eröffnet werden. Nun herrscht wegen der Pandemie aber vorerst "zuschauerlose Stille".

Die Eröffnung ist auf unbestimmte Zeit verschoben. Solche Ankündigungen liest man in diesen Pandemie-Tagen immer wieder. Auch den Gießener Künstler Andreas Walther hat diese Nachricht ereilt. Denn seine ursprünglich seit Anfang des Monats im Museum unter Tage in Bochum konzipierte Ausstellung "Ortlose Stille" mit Naturfotografien - gemeinsam mit Arbeiten des Pariser Fotografen Bernard Descamps und ein Projekt der Stiftung Situation Kunst - kann derzeit noch nicht live besichtigt werden. Sie ist allerdings bis 18. April 2021 terminiert - ein Hoffnungsschimmer, dass Besucher die Ausstellung doch noch im unterirdischen Museum im Weitmarer Schlosspark (Nevelstraße 29D, 44795 Bochum) sehen können. Bislang geht das auf facebook.com/ situationkunstbochum.

Wahrnehmung von Landschaft

Andreas Walther, der sein Atelier in Heuchelheim hat und erst kürzlich "Kunst am Bau" im neuen Fraunhofer-Institut in Gießen entwickelt hatte, beschäftigt sich mit der Wahrnehmung von Natur und Landschaft und wandelt sie künstlerisch durch das Medium der Fotografie um. Beeinflusst von der Philosophie des Daoismus ist sein Naturbegriff nicht als Kontrast zum Menschen zu verstehen. Natur ist für ihn ein Resonanzraum, in dem die Energien aller Lebewesen aufeinander reagieren. Digitale Retusche ist für Walther ein Arbeitsmittel, mit dem er das technische Bild an die Erinnerung des körperlichen Empfindens annähern kann. Vielfach verliert der Betrachter so Hinweise auf Ort und Tageszeit, an dem das Foto im Ursprung entstanden ist. "Durch die fehlenden Informationen wird das Nachdenken über eigene Wahrnehmungsprozesse und der Anstoß einer räumlichen Einordnung angeregt", heißt es in einem Text zur Ausstellung. Bei den Werken, die zunächst oftmals schwarz wirken, oder auch bei Fotografien grauer Mauern, erschließt sich das Motiv erst durch geduldiges Schauen. Somit wird der Prozess der Wahrnehmung Thema. Walther arbeitet mit der Digitalkamera und nutzt die Nachbearbeitung, um so die Wirklichkeit des Bildes jener Empfindungswirklichkeit anzunähern, die Auslöser war, einen Ort im entsprechenden Moment zu fotografieren. Die namenlose Natur ist Wirklichkeit und wird in der Betrachtung und Benennung zu Landschaft, um dann als Bezugspunkt gebraucht zu werden.

Der Prozess der Wahrnehmung von Natur und Landschaft beschäftigt beide Künstler der Ausstellung, wenn auch mit anderen Ansätzen. Bernard Descamps, 1947 geboren und seit den Siebzigerjahren als Fotograf in zahlreichen Ausstellungen vertreten sowie Mitbegründer der Agentur VU und "GEO"-Fotograf, hat für seine in der Schau ausgestellte Werkgruppe "Natura" seit 1995 unter anderem Island, Venezuela, Madagaskar und Japan bereist. Wie Walther zeigt er ortlose, typologisch sortierte Landschaften. Mit starken Schwarz-Weiß-Kontrasten und im quadratischen Format formalisiert er Landschaft und lenkt mit bildhaften Strukturen die Aufmerksamkeit auf Formen und Oberflächen.

Die Ausstellung wird laut Planungen von einem umfangreichen Veranstaltungsprogramm begleitet, das die Fotografien in einem größeren Kontext verortet. Aktuelle Informationen findet man unter www.situation-kunst.de.

Zur Ausstellung erscheint die von Bernard Descamps gestaltete Monografie "natura" in deutscher und französischer Sprache bei Filigranes Editions Paris. Außerdem erhältlich ist die Monografie "Andreas Walther: Vom Wandern im Offenen", 2019 erschienen im Kerber Verlag (103 Seiten, 37 Abbildungen, Museumspreis 30 Euro). Erhältlich ist sie im Museum unter Tage.

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