Kusterer und Schreiber stellen Fotografien im Rathaus aus

Die Ausstellungsreihe "Kunst im Rathaus" feierte mit der jüngsten Ausstellungseröffnung ihr zweijähriges Jubiläum. Am 5. Februar 2010 ging zum ersten Mal die Ausstellung von Kunstwerken regionaler Künstler an den Start. Aktuell sind dort Fotografien von Volker Kusterer und Wolf D. Schreiber zu sehen.

Das von Kunsthallenkuratorin Dr. Ute Riese erdachte Konzept verfolgt die Idee, dass Künstler Künstler vorschlagen. Hess Paul, dessen Fotografien den Betrachter in die Welt der fiktiven Erstbesiedlung des Mars entführen, schlug als seinen Nachfolger für die aktuelle Staffel Volker Kusterer vor. Andreas Rosenthal, der mit seinen Fotografien Blicke in die Arbeitsräume heimischer Künstler gewährte, lud Wolf D. Schreiber ein.

Nach einer kurzen Einführung von Oberbürgermeisterin und Kulturdezernentin Dietlind Grabe-Bolz ergriff Hess Paul das Wort: "Stellen Sie sich vor, meine Damen und Herren, sie gehen durch Gießen und finden es schön." Damit hatte der Künstler alle anwesenden Gießener ins Mark getroffen. Wird doch von vielen Mitbürgern die Stadt gleichermaßen belächelt wie auf eine ungewöhnliche Art und Weise als schön empfunden. Volker Kusterer nimmt den Betrachter mit auf seine Reise durch Gießen und zeigt die Schmucklosigkeit der Stadt abseits der Vorzeigeplätze, die dennoch einen gewissen Charme in sich bergen.

Schlummert in Gießen eine Poesie, eine Schönheit, die sich nicht auf den ersten Blick erkennen lässt? Kusterer schaut hin und wählt für den Betrachter einen Ausschnitt: Das Auge wandert über ein Bild, welches das Freischwimmbad in Kleinlinden im herbstlichen Gewand zeigt. Ein weiterer Blick manifestiert sich in einem einzelnen Blatt, das durch seine Klarheit und farbenfrohe Schärfe besticht. Beim Vorübergehen und Ansehen der aufgereihten Bilder erzählen diese eine Geschichte, nicht über den Künstler selbst, sondern über die Stadt, in der er lebt. Die Exkursion des "optisch Unbewussten" gewährt Blicke hinter die Kulissen des Alltags einer Stadt und ruft Übersehenes hervor, das im Betrachten an Ästhetik gewinnt.

Die Fotografien von Wolf D. Schreiber in seiner Serie "Draußen vor der Tür" zeigen hingegen den flüchtigen Blick vorübergehender Passanten in die Schaufenster verschiedener Galerien von Großstädten. In den Fenstern spiegelt sich die Umgebung wider; die Fassade, die das Schaufenster umgibt, wird zum Rahmen. Seine Bilder sind Appropriationen oder anders ausgedrückt: Der Künstler Schreiber ist ein Pirat. Er bedient sich bewusst fremder Kunstwerke, indem er sie mit seiner Kamera aus der Galerie heraus stiehlt und in eine neue Bildkomposition integriert.

In seiner Reihe "Meeresboden Derivat" gesellen sich farbenprächtige Meerespflanzen dazu, durchschwimmen Meeresfische den Blick in die Galerie und lassen das Bild wie ein Gemälde erscheinen. Schreibers Pinselführung, seine Zusammenführung von Farben und Formen, ist die grafische Arbeit am Computer. Hier lässt der Künstler in seinen Werken Seegras an Hausfassaden entlang gleiten und leuchtende Fische über Gullis schwimmen.

Die Ausstellungsreihe wird nach wie vor von einem zahlenmäßig kleinen, aber sehr aufmerksamen Publikum besucht, das sich auch an der Idee erfreut, dass Künstler über Künstler reden. Denn am Ende gab es viel Lob für die sensible Vorstellung des Künstlers Kusterer durch Hess Paul, zumindest von jenen Besuchern die in den ersten Reihen saßen. Bemängelt wurde die fehlende akustische Verstärkung im modernen Zeitalter der Technik. dt

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