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Mehr geht nicht derzeit: Klaus Schneider winkt seiner Mutter zu. Foto: cg

Kusshände für die Mutter hinter der Fensterfront

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Vor dem Eingang stehen vier große Kübelpflanzen. Sie verdeutlichen: Bis hierher und nicht weiter. Das Pflegeheim Vitanas an der Lahn legt normalerweise großen Wert darauf, sich zu öffnen: Gäste sind willkommen, die Bewohner nutzen die Nähe zur Stadt und sind häufig mit Rollatoren oder Rollstühlen an der Lahn oder in der Stadt unterwegs. Doch es sind keine normalen Zeiten.

Die Pflegeheime schotten sich ab, um ihre Bewohner zu schützen. Sie alle gehören zur Hochrisikogruppe. "Traurig ist das", sagt Klaus Schneider, "aber da müssen wir nun alle durch." Er steht auf dem Vorplatz und winkt zu den Fenstern hoch. Zwei- bis dreimal in der Woche kommt der 72-Jährige, um seine Mutter zu besuchen. Lina Schneider ist 101 Jahre alt und gut beieinander. "Sie unterhält gerne die ganze Wohngruppe", sagt der Sohn und lacht. Sie ertrage die Situation gelassen. In ihrem langen Leben hat sie schon viel erlebt, so schnell wirft sie nichts um. Im zweiten Stock bewegt sich etwas hinter der Fensterfront. Eine alte Dame im Rollstuhl. Sie winkt, gestikuliert, lacht. Es ist nicht seine Mutter, aber eine andere Seniorin, die sich über ein bisschen Abwechslung freut. Schneider kennt die alten Leute, weil er regelmäßig ins Vitanas geht, um mit den Bewohnern zu spielen. Doch auch die Aktivitäten der Ehrenamtlichen sind in Corona-Zeiten nicht möglich. Mit seinen Besuchen vor dem Haus zeigt der Rentner, dass er trotzdem an sie denkt. Auch eine Pflegerin, die sich oben im Wohnbereich um die Bewohner kümmert, erkennt den Mann in der weißen Hose und dem gelben T-Shirt, schwenkt fröhlich die Arme und signalisiert: Hallo, wir sind noch da! Bis bald!

Im Mühlengarten ist es ruhig an diesem sonnigen Frühlingstag, junge Frauen mit Kinderwagen gehen spazieren, einige Radler huschen vorbei, von der Lahn tönt Entengeschnatter herüber. Dass hier an den Wochenenden mehr los ist, lässt ein Blick in die Blumenrabatten erahnen. Dort liegen noch Bierflaschen, Bonbonpapier, Kippen.

Vom Speiseraum und Café des Vitanas hat man einen schönen Blick auf die Gartenanlage und den Fluss. Heute sitzen dort zur Mittagszeit nur wenige Bewohner. Klaus Schneider klettert in seinen roten Sportwagen und fährt nach Hause. In ein paar Tagen kommt er wieder, um seiner Mutter Kusshände zuzuwerfen. Bis er sie wieder in die Arme schließen kann, wird es noch eine Weile dauern. (cg)

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