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Kunst mit der Krise

  • vonSebastian Schmidt
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Studierende der Theaterwissenschaften zeigen im KiZ Aufführungen und Installationen nicht trotz, sondern wegen Corona. Das Festival der JLU- Studenten handelt vom Umgang mit der Krisen-Situation: Welche Hindernisse entstehen und wie kann man mit diesen umgehen?

Nina DeLudeman faltet Ratten aus Papier. Sie sitzt dabei in einem mit Kreppband abgesteckten Viereck auf dem Boden der Ausstellungsräume Kultur im Zentrum (KiZ). Dort läuft das Kunstfestival "proposals for the circumstances" (Angebote an die Umstände). 16 Studierende der Angewandten Theaterwissenschaften und Choreografie organisieren das Festival. Die Künstler zeigen ihre Installationen und Aufführungen noch bis Samstag. So lange will DeLudeman noch Ratten falten.

"Wir wollen herausfinden, was wir in der momentanen Situation machen können", sagt die Künstlerin zum Thema des Festivals. Es ist ein Experiment. Es zeige, welche Hindernisse durch das Virus und die Verhaltensregeln existieren und wie die Künstler mit diesen umgehen können. "Wir wollen dabei aber nicht unreflektiert nur neue Möglichkeiten im Digitalen aufzeigen. Manche Dinge funktionieren digital ja auch nicht so gut."

Ratten erzählen vom Sterben

Direkter Kontakt zu anderen Menschen ist zum Beispiel gerade schwierig. Dadurch, dass sie im Eingangsbereich auf dem Boden sitzt, versucht DeLudeman trotzdem eine Verbindung zu allen Festivalbesuchern zu schaffen. "Indem ich einfach da bin." Die Besucher müssen an ihr vorbei, wenn sie die Ausstellungsräume betreten. Warum sie dabei Ratten aus Papier faltet? Das sei mehrdeutig. Sie habe vor einiger Zeit das Stück "Die Pest" inszeniert. Darin zeigen die Ratten das Sterben der Menschen an. "Dass Menschen an Corona sterben und wie viele, das ist sehr abstrakt." Mit ihren Ratten will DeLudeman den Besuchern zeigen, dass Corona tötet. Eine weitere Bedeutungsebene erklärt sie so: "In Japan gibt es den Brauch, Kraniche aus Papier zu falten. Als Zeichen der Hoffnung." Mit ihren Papier-Ratten will sie auch die Hoffnung in der Zeit der Corona-Krise ausdrücken.

Corona hat nicht nur das Thema, sondern genauso die Planung des Festivals bestimmt. Die Künstler haben sich nur über das Internet treffen können - auch zum Proben. "Manchen ist eine Zugfahrt bereits von Frankfurt nach Gießen gerade unangenehm", sagt DeLudeman. Auf dem Festival gelten die bekannten Vorsichtsmaßnahmen: Beim Betreten Kontaktdaten aufschreiben, Mund-Nase-Schutz tragen, Hände desinfizieren. Und natürlich 1,50 Meter Abstand zu den anderen Besuchern halten.

Gleichzeitig in Gießen und Japan

Auch die Stühle im Vorführraum stehen mit dem notwendigen Abstand zueinander. Wenn ein Platz frei ist, können die Besucher dort zum Beispiel dem "Guerilla Co-Walk" von Kanade Hamawaki zuschauen. Mit einem Beamer werden zwei Live-Videos auf die Leinwand gestrahlt. Einmal aus Gießen und einmal aus einer unbekannten japanischen Stadt. Der Bildausschnitt zeigt dabei nie die Person hinter der Kamera, sondern bleibt in der Ich-Perspektive. Der Spaziergang in Gießen beginnt in der Senckenbergstraße. Der Fokus wandert über den Platz der Hermann-Hoffmann-Akademie, zeigt die bunten Wände dort und dann den Weg Richtung Zeughaus. Gleichzeitig spaziert eine Person durch die japanische Stadt: eine enge Gasse, Geschäfte mit heruntergelassenen Rollläden und Verkaufsautomaten mit Superhelden darauf. Die Besucher werden Zeugen eines Spaziergangs an unterschiedlichen Orten. Das wirft Fragen auf: Spazieren die Personen im Video gemeinsam oder getrennt? Wäre es etwas anderes, wenn sie dabei telefonieren würden? Eine Parallele zu Videokonferenzen im Homeoffice drängt sich auf.

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