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Das rotfigurige Bauchlekythos.

Von der Kunst des Gemeinsam-Seins

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Gießen(chh). Der Mensch ist ein Herdentier. Schon immer hat er die Gemeinschaft gesucht. Der Kontakt zu anderen spendet Trost, unterhält und inspiriert. Kein Wunder, dass auch in der Kunst die Gemeinschaft ein allgegenwärtiges Thema ist. Zu sehen ist das in der Antikensammlung der JLU, deren Originalsammlung rund 1700 Objekte umfasst und deren Grundstock ins 18. Jahrhundert zurückgeht.

Prof. Katharina Lorenz und Kustodin Dr. Michaela Stark haben sich mit Blick auf das Coronavirus dem Thema "Von der Kunst des Gemeinsam-Seins" angenommen. "Gruppenbilder ziehen sich durch die Bilderwelten historischer Gesellschaften. So handeln auch die Bilder der antiken Kulturen Griechenlands und Roms immer wieder vom Gemeinsam-Sein", betonen sie. Die Antikensammlung der JLU wird sich daher in ihrer nächsten Sonderausstellung ab Herbst mit Gruppenbildern beschäftigen, auch wenn derzeit nicht klar ist, in welchem Format dies geschehen wird.

Die Gießener Sammlung umfasst zahlreiche Beispiele für antike Gruppenbilder. "Angesichts unserer akuten Erfahrung von Gemeinschaft in Zeiten einer Pandemie sind zwei Vasen aus dem klassischen Athen besonders interessant", sagen Lorenz und Stark. Die Stücke stammen, soweit wissenschaftlich feststellbar, aus der Zeit kurz vor bzw. kurz nach einer verheerenden Seuche, die die griechische Metropole auf der Höhe ihres politischen und kulturellen Einflusses 430 v. Chr. erlebte. Ein Drittel der Bevölkerung erlag dieser Infektionskrankheit, darunter auch Perikles, der führende Staatsmann der Stadt. Das Ereignis wurde als "Pest des Thukydides" bekannt, denn der Geschichtsschreiber dokumentierte in seinem Werk in beeindruckender Präzision die Auswirkungen der Seuche auf sich selbst und auf das athenische Staatswesen. Sein Ziel: Er wollte mit seinen Schilderungen einen Beitrag zur Seuchenbekämpfung leisten und die Widerstandsfähigkeit kommender Generationen gegenüber derartigen Bedrohungen stärken.

Der rotfigurige Krater, ein großes Gefäß zum Mischen von Wein für gemeinschaftliche Gelage der athenischen Männer, entstand um 440 v. Chr., also vor dem Ausbruch der Seuche. Auf einer Seite spielt eine sitzende Frau das Saiteninstrument Barbiton, während die vor ihr stehende ein Schmuckkästchen hält. Links und rechts betrachtet jeweils eine weitere Frau die beiden in der Mitte. Die Gewänder der Frauen, ihre Frisuren und die Interaktion drücken aus, dass sie alle denselben sozialen Status haben.

Auf der Rückseite des Gefäßes stehen drei junge attische Männer ins Gespräch vertieft beisammen. Den Betrachtern des Gefäßes, bei denen es sich laut Lorenz und Stark ebenfalls um Athener Bürger gehandelt haben dürfte, wurde damit eine ebenso exklusive wie geschlossene Gesellschaft kommuniziert.

Die rotfigurige Bauchlekythos, ein kleines Gefäß zur Aufbewahrung von Salböl, wurde zwischen 430 und 420 v. Chr. produziert, aller Wahrscheinlichkeit während bzw. wenige Jahre nach der Athener Pest. Das Gefäß zeigt eine sitzende Frau, der sich von links Eros aus der Luft nähert. Eros weist in dieser Szene darauf hin, dass diese Zweiergruppe eine Interaktion von Figuren aus unterschiedlichen Sphären thematisiere: der Götterwelt und der Menschenwelt. "Wie die Personifikationen in Menschenform, die zu dieser Zeit zahlreich auf Vasen auftreten, mag unser Eros ein antikes Beispiel dafür sein, wie man die positiven Aspekte menschlicher Nähe artikuliert, ohne das abzubilden, was Einzelne in Gefahr bringen könnte", sagen die Expertinnen.

"Gruppenbilder wie auf diesen Gefäßen der Antikensammlung führen vor Augen, wie uns die Antike heute noch etwas über uns als Menschen sagen kann. Unsere Sammlung - wie auch die nationale und internationale Museumslandschaft insgesamt - lebt von dieser Interaktion zwischen Objekten, Besuchern sowie den Kuratierenden", betonen Lorenz und Stark. Umso mehr würden sie dieses Gemeinsam-Sein derzeit vermissen. FOTO: PM

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