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Kunst am Bau

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Wer in Gießen nach Kunst am Bau sucht, der stößt schnell auf den Namen von Bernd Krimmel. Nun ist ein Verzeichnis seiner Wandbilder erschienen, das Krimmels Sohn Tobias initiiert hat. Er wollte auch wissen, in welchem Zustand sich die Wandbilder seines Vaters heute befinden - und erlebte Schock- wie Glücksmomente.

Die 50er und 60er Jahre waren eine Hoch-Zeit des Bauens im kriegszerstörten Deutschland. Vor allem bei öffentlichen Einrichtungen gehörte damals ganz selbstverständlich Kunst am Bau dazu. Dahinter steckte anfangs auch der soziale Gedanke, Künstlern ein Auskommen zu sichern. Die Architektur veränderte sich jedoch bis Ende der Siebzigerjahre, sollte allein aussagekräftig sein und nicht durch künstlerische Beigaben gestört werden. Dies basierte auf der Erfahrung, dass Kunst-am-Bau-Maßnahmen selten schon im Planungsstadium mitbedacht wurden oder Künstler gar ein Mitspracherecht gehabt hätten. Daher kamen viele Kunstwerke nachträglich dazu - mal mehr, mal weniger geglückt. Dennoch entstanden beachtenswerte Kunstwerke, die heute denkmalwerte Zeugen der Vergangenheit sind. Leider ist auch in Gießen so manches davon verschwunden, sei es durch den Abriss der kompletten Gebäude oder wegen Sanierungsmaßnahmen. Im besseren Fall erhielten die Wandbilder einen Holzschutz unter der Wärmedämmung, häufig aber wurden sie unwiderruflich zerstört.

Bernd Krimmel aus Darmstadt war einer der meistbeschäftigten Kunst-am-Bau-Künstler in Hessen. Seine Spezialität waren Wandmosaike aus Glas. Aber auch Reliefs, Sgraffito und Malerei auf Resopal gehörten zu seinem breiten Spektrum. Einige Arbeiten sind figurativ gehalten, andere grafisch-abstrakt.

Sohn Tobias auf Spurensuche

Vor einem guten Jahr begab sich Sohn Tobias Krimmel auf Spurensuche. Ihn trieb die Frage an: Wo und in welchem Zustand existieren noch Wandbilder meines Vaters? Ziel war ein Werkverzeichnis, das jetzt gedruckt vorliegt. Als Vorlagen dienten ihm die damaligen Architekturfotografien. Die Fotos sind alle in Schwarz-Weiß, daher hatte er keine Vorstellung von der intensiven Farbigkeit einiger Mosaike. Nicht alle Orte konnte er besuchen, er war auf die Kooperation von Ortsansässigen angewiesen, so auch in Gießen. Seine Erfahrungen waren höchst unterschiedlich. Geradezu schockierend fand er den Umgang einer Schulleitung, die das Wandrelief zur Farbgestaltung im Kunstunterricht freigab. Einige der Schulen, auch Funktionsgebäude wie der OP-Trakt der Gießener Uni-Chirurgie, wurden schon vor Jahren abgerissen. Erfreulich ist für ihn die zunehmende Wertschätzung der Wandarbeiten seines Vaters. So hat das Statistische Bundesamt in Wiesbaden das Wandmosaik in der Eingangshalle von einer Firma aus München restaurieren lassen. Eine teure und auch zeitaufwendige Maßnahme. An der TH Darmstadt wurden Glasmosaike vor dem Abriss gesichert, als neuen Anbringungsort fand man den Eingangsbereich des neuen Hörsaalzentrums. Im Museum von Groß-Gerau, das als Rathaus erbaut wurde, ließ der Museumsleiter die Holzverkleidung des Mosaiks entfernen.

In Gießen war Bernd Krimmel gleich mehrfach tätig, insgesamt gab es fünf Werke an vier Orten, zwei Werke existieren noch. Für die 1961 eröffneten Schulneubauten von Landgraf-Ludwig-Gymnasium und Ricarda-Huch-Schule schuf er Wandbilder in Mosaiktechnik. An beiden Schulen gab es Anfang der 2000er Jahre Renovierungen, bei denen die Bilder verschwanden. Teils wurden sie entfernt (LLG), teils mit Holz verkleidet; damit sind sie zwar erhalten, aber nicht mehr sichtbar (RHS).

LLG-Wandbild mit großen Lücken

Noch sichtbar ist das Wandbild an der LLG-Rückseite, zum abfallenden Gelände hin. Obwohl es immer noch sehr eindrucksvoll ist durch seine Größe, Komposition und intensiv blaue Farbigkeit, wird bei genauer Betrachtung der schlechte Zustand deutlich. Es gibt große Lücken, Mosaikteile sind herabgefallen, die rostigen Betonstreben darunter sind sichtbar. Hier ist eine Restaurierung dringend nötig, auch wenn sie vermutlich teuer würde. Das Hochbauamt Gießen hat damals ein Gutachten erstellen lassen.

Auch für das Uniklinikum entstanden in den 60er Jahren neue Gebäude. Eines davon war der Erweiterungsbau der Chirurgie, der Mitte der 90er Jahre längst dem nächsten Neubau gewichen ist. Krimmels Arbeit hier war eine dezente Fassadengestaltung, die an den Straßenseiten die Fensterstrukturen aufnahm und spielerisch erweiterte (1964/65).

Das andere Wandmosaik am Klinikum dürften die Wenigsten kennen, weil es 1964 für einen Innenraum gestaltet wurde: im Treppenflur vor dem Hörsaal des Hygiene-Instituts. Es befindet sich in gutem Zustand. Es ist die Mischung zwischen Farbflächen und Figurationen, hier in Gestalt von Vögeln und Fischen, das Benutzen unterschiedlicher Materialien, die noch heute beeindrucken. Und man kann man sie aus der Nähe bestaunen. Die Kunstbeauftragte des Uniklinikums, Dr. Susanne Ließegang, wird im Programm 2020 eine ihrer Kunstbetrachtungen dort vornehmen.

Das Werkverzeichnis geht chronologisch vor, beginnend 1953 mit Drahtreliefs an der Volksschule Jügesheim, endend 1981 mit den Resopalbildern in Oberursel. In einigen Fällen sind nur Schwarz-Weiß-Originalfotos zu sehen, in anderen sind diese Fotos dem heutigen Zustand gegenübergestellt, manchmal sind es ausschließlich aktuelle Aufnahmen. Es ist ein verdienstvolles Stück Zeit- und Kunstgeschichte, das Tobias Krimmel da erstellt hat. Leider nicht über einen Verlag, aber vielleicht kommt das noch.

Zu beziehen über: Bernd Krimmel, Heinrich-Delp-Straße 255, 64297 Darmstadt, Preis 19,80 Euro plus Porto.

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