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Kundgebung in Gießen: Eritreer melden Groß-Demo an

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Von: Burkhard Möller

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Demo von regierungskritischen Eritreern am 20. August in Gießen. © Harald Friedrich

Für kommenden Donnerstag haben in Gießen lebende Eritreer zu einer Groß-Demo vor dem Rathaus aufgerufen – bis zu 1500 Teilnehmer werden erwartet.

Gießen – Die Stadt Gießen scheint immer mehr zum Kristallisationspunkt des innereritreischen Konflikts in Deutschland zu werden. Für kommenden Donnerstag haben in Gießen lebende Eritreer zu einer großen Kundgebung vor dem Gießener Rathaus aufgerufen. In der Anmeldung ist nach GAZ-Informationen von bis zu 1500 Teilnehmern die Rede.

Der Magistrat der Stadt und Stadtverordnetenvorsteher Joachim Grußdorf bestätigten am Mittwoch (28. September) gegenüber dieser Zeitung zunächst nur, dass eine größere Demonstration von Eritreern angemeldet worden ist. Zur Ausrichtung gab es keine Informationen, aber wie es heißt, handele es sich um eine Veranstaltung von Anhängern des diktatorischen Regimes in Eritrea.

Demonstration in Gießen: Streit über Ereignisse rund um das eritreische Kulturfest

Die Demonstration steht offenkundig in Zusammenhang mit den Ereignissen rund um das eritreische Kulturfest am 20. August in den Hessenhallen. Die von der eritreischen Regierung organisierte Veranstaltung war noch vor ihrem Beginn von Gegnern des Regimes angegriffen worden, es gab Verletzte und massive Sachbeschädigungen. Die Polizei verfügte den Abbruch des Kulturfests und einer friedlich verlaufenen Gegen-Demo.

Die haben mittlerweile verstanden, wie das Regime versucht, in Europa für sich zu werben.

Klaus-Dieter Grothe, Stadtverordneter

Im Fokus steht seitdem der grüne Stadtverordnete Klaus-Dieter Grothe, der den friedlichen Gegenprotest unterstützt und den Abbruch des Kulturfests in der Nacht bei Facebook als »Sieg der Demokratie« gefeiert hatte. Für diesen Post, von dem sich Grothe distanzierte und für den er sich entschuldigte, wurde und wird der Stadtverordnete heftig kritisiert und zur Niederlegung seines Mandats aufgefordert.

Kundgebung in Gießen: „Man will den Druck erhöhen“

Die Demonstration am kommenden Donnerstag, für die regierungstreue Eritreer laut Grothe in Deutschland und den Nachbarländern mobilisierten, habe natürlich auch etwas mit seiner Person zu tun. »Man will den Druck erhöhen«, sagte Grothe. Seines Wissens nach werde es keine organisierte Gegen-Demo geben. Grothe schloss aber nicht aus, dass einzelne Gruppen von Gegnern der eritreischen Regierung nach Gießen kommen. Bei den jungen Männern, die sich dem Kriegs- und Arbeitsdienst in Eritrea durch Flucht nach Europa entzogen hätten, wachse die Wut auf die Regierung und ihre hierzulande lebenden Anhänger.

»Die haben mittlerweile verstanden, wie das Regime versucht, in Europa für sich zu werben.« Etliche dieser Werbeveranstaltungen seien verhindert worden, zuletzt in London und Stockholm. Dies wiederum bringe das Regime in Asmara in Rage. Es gebe Aufrufe, in Europa gegen Regimekritiker und deren Familien vorzugehen – auch gewaltsam. Grothe: »Das geht bis zu Mordaufrufen.« Auch er habe einen Hinweis der Sicherheitsbehörden erhalten, auf sich aufzupassen, berichtete Grothe. Aus Sicherheitsgründen werde er sich am kommenden Donnerstag nicht in Gießen aufhalten.

Protest in Gießen: Stadtverordneter Klaus-Dieter Grothe wird nicht in der Stadt sein

Scharfe Kritik an Grothe kommt von einer größeren Gruppe von in Gießen lebenden Eritreern, die einen offenen Brief verfasst haben, der der GAZ von der fraktionslosen DKP-Stadtverordneten Martina Lennartz übermittelt wurde. Die über 70 Gießener erneuern darin die Forderung nach Konsequenzen für Grothe. »Wir sind entsetzt über seine Worte, mit denen er das Ergebnis der Gewaltattacke und die Übeltäter bejubelte und sich davon im Nachgang nur halbherzig distanzierte.« Grothe falle schon seit Jahren »durch aggressive Hetze gegenüber Eritrea« auf.

Auch rund fünf Wochen nach den Vorfällen vom 20. August ist es den Unterzeichnern »unbegreiflich«, dass es »kriminellen Schlägern ermöglicht wurde, mit brutaler Gewalt auf die Veranstalter des Kulturfests einzuprügeln.« Statt die Veranstaltung abzubrechen, hätte die Polizei die Gewalttäter außer Gefecht setzen müssen. Hier lebenden Eritreern müsse es doch möglich sein, sich friedlich zu versammeln und die Kultur der Heimat zu leben.

Nach den Ereignissen vom 20. August wird die Polizei am kommenden Donnerstag mit Sicherheit mit einem Großaufgebot zur Stelle sein. Erst 300 nach Gießen beorderte Beamte der Bereitschaftspolizei hatten die Ausschreitungen im August beenden können. (mö)

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