+
Die Kernaufgabe von Elisabeth Eckhardt und Rüdiger Stein ist es, Gefangene zu bewachen und in den Gerichtssaal zu bringen. Von diesem "Gefangenen" droht jedoch keine Gefahr, es handelt sich um einen Kollegen, der als Fotomodell eingesprungen ist.

In kugelsicheren Westen

  • schließen

Richter sind die prägenden Figuren der Gerichte, sie sprechen Recht, ihr Wort hat Gewicht. Kein Wunder, dass die Männer und Frauen in den Roben hohes Ansehen genießen. Weit weniger Wertschätzung erhalten die Justizwachtmeister. Dabei sind sie es, die den juristischen Betrieb am Laufen halten. Ein Blick hinter die Kulissen des Gießener Landgerichts.

Der Aufzug fährt hinab. Ping, dann öffnet sich die Tür. Elisabeth Eckhardt steigt hinaus - und betritt die Katakomben des Gießener Landgerichts. Die Wände sind nackt, an der Decke verlaufen Versorgungsrohre. Zusammen mit Rüdiger Stein und Christian Schombert schreitet die 32-Jährige über den Flur. Ihre Schritte hallen von den Wänden wider. Nach einigen Metern bleibt das Trio vor einen schweren Metalltür stehen. "Das ist eine von fünf Verwahrzellen, die wir hier im Haus haben", sagt Eckhardt, während Stein den Schlüssel in das Schloss schiebt. Der gekachelte Raum ist mit einer Toilette und Liege ausgestattet. An der Wand hat sich ein gewisser "Nuri" verewigt. Seinem Gekritzel zufolge fand er es ungerecht, wegen Rauschgift vor Gericht zu müssen. "Das erinnert ein bisschen an ein Verließ, nicht wahr", sagt Stein. Er lächelt dabei, schließlich ist die Verwahrzelle für kurze Aufenthalte völlig ausreichend. Außerdem: Wer hier im Keller einsitzt, ist Gefängniszellen gewohnt.

Eckhardt und Stein sind Justizwachtmeister im Gießener Landgericht, Schombert der stellvertretende Geschäftsleiter. Die drei wollen an diesem Morgen die Tätigkeitsfelder der Justizwachtmeister vorstellen und zeigen, dass das Begleiten von Gefangenen in den Gerichtssaal zwar eine wichtige, aber beileibe nicht die einzige Aufgabe der Männer und Frauen in den blauen Uniformen ist. "Viele Menschen haben ein völlig falsches Bild von unserem Beruf", sagt Eckhardt. Damit meint sie nicht nur die Öffentlichkeit, sondern auch den einen oder anderen Richter.

Eine Stunde zuvor: Eckhardt sitzt mit ihren Kollegen - im Landgericht arbeiten derzeit zehn Justizwachtmeister - in ihrem Büro und bearbeitet die Post. Briefe öffnen, mit Eingangsstempel, Uhrzeit und Kürzel versehen, sortieren und dann in eines der zehn Fächer sortieren. Es ist gerade mal 7 Uhr, die Justizwachtmeister arbeiten bereits seit einer halben Stunde; sie beginnen zu einer Zeit, zu der viele Richter noch im Bett liegen.

Wer längere Zeit in ihrem Büro verbringt, könnte meinen, man befinde sich an der Hauptpost in der Bahnhofstraße. Das Team kümmert sich um sämtliche Briefeingänge, scannt die gesamte Post ein, damit die Richter später von ihrem Computer aus darauf zugreifen können, und bringt die teils ziemlich dicken Umschläge auch in die jeweiligen Büros. Akten, die das Haus verlassen, zum Beispiel an andere Behörden oder Rechtsanwälte, gehen ebenfalls durch die Hände der Justizwachtmeister. Über das Geschäftskundenportal der Post drucken sie Aufkleber aus, packen die Akten in Kartons und bringen sie zur Post. Eckhardt macht das gerade. Sie sitzt dafür an ihrem Computer. Als der Bildschirm aufleuchtet, huscht ein Lächeln über ihr Gesicht. Auf dem Desktop ist ein Foto ihrer Tochter zu sehen. Die 32-Jährige ist Mutter. Das macht ihre Arbeit nicht immer leichter.

"Gerade als Mama sind einige Verfahren sehr schwierig für mich. Vor allem, wenn es um sexuellen Missbrauch geht." Besonders zu schaffen machte ihr einst der Fall einer Mutter, die ihr Kind verhungern ließ. "Ich musste die Frau in den Saal führen. Sie war eigentlich ganz nett. Als dann die Details ans Tageslicht kamen, hat mich das sehr aufgewühlt." Eckhardt hält kurz inne, dann sagt sie: "Sie müsste wieder draußen sein."

In den meisten Fällen gelinge es ihr, die Arbeit nach Verlassen des Gerichtsgebäudes abzuschütteln. Manche Fälle würden sie aber auch zu Hause noch beschäftigen, sagt die Justizwachtmeisterin. Ihr Kollege Stein kennt das. "Aber mit der Zeit bekommt man ein dickeres Fell." Trotzdem: Noch heute muss sich der 53-Jährige manchmal auf die Lippe beißen, wenn er im Verhandlungssaal sitzt und hört, dass der Angeklagte zum vierten Mal mit einer Bewährung davonkommt. "Das ist normal, wir sind auch nur Menschen. Vor allem: Wir sind keine Richter."

Stein arbeitet bereits seit 21 Jahren als Justizwachtmeister am Landgericht. "Es hat sich viel verändert", sagt der 53-Jährige. Die Arbeit sei wesentlich komplexer geworden: neben dem gestiegenen bürokratischen Aufwand vor allem durch die größere Anzahl an Verhandlungen und vor allem die längere Verfahrensdauer. Aber auch im Miteinander der unterschiedlichen Berufsgruppen habe sich einiges geändert. "Das Verhältnis zwischen Justizwachtmeister und Richter ist besser geworden", sagt Stein. Schombert nickt: "Früher haben sich die Berufsgruppen teilweise nicht einmal gegrüßt." Aber auch heute gebe es noch Richter, die den Einsatz der Justizwachtmeister nicht wertschätzen würden, sagt der stellvertretende Geschäftsleiter. "Sie gehen davon aus, dass im Hintergrund alles automatisch läuft. Sie wissen gar nicht, welche Arbeit dahintersteckt." Denn neben der Post haben die Justizwachtmeister noch viele weitere Tätigkeiten. Eckhardt pflegt zum Beispiel zusammen mit einer Kollegin das 30 000 Akten umfassende Archiv. Stein verwaltet das Möbellager, hinzukommen Dienstwagenfahrten, Telefonvermittlungen, Einlasskontrollen bei großen Verhandlungen, das Planen von Schulungen und vieles mehr.

Die Kernaufgabe der Justizwachtmeister ist aber immer noch das Bewachen der Gefangenen. Und das kann mitunter sehr gefährlich sein. "Ein Kollege hatte schon mal ein Plastikmesser am Hals", erzählt Stein. Aus diesem Grund sind er und seine Kollegen auch mit einer kugelsicheren Weste geschützt, zudem tragen sie Pfefferspray und Handschellen mit sich. Um nicht nur sich, sondern auch die Öffentlichkeit zu schützen, führen die Justizwachtmeister bei gefährlichen Gefangenen zudem Gespräche mit Richterschaft und Polizei, außerdem begehen sie gemeinsam das Gebäude und loten potenzielle Gefahrenpunkte aus. Dem Keller kommt dabei eine besondere Bedeutung zu.

"Wir haben den Vorteil, dass die JVA direkt nebenan liegt", sagt Stein, als er die Zelle wieder schließt. "So können wir die Gefangenen über den Hof ins Gericht bringen, ohne dass sie mit der Öffentlichkeit in Kontakt kommen." Dank des ebenfalls im Keller untergebrachten Videoraums können auch Zeugen profitieren. Hier können Kinder oder traumatisierte Opfer aussagen, ohne auf ihre Peiniger zu treffen.

Nach einem letzten Abstecher ins Dachgeschoss zum Archiv - "das ordentlichste in ganz Hessen", wie Schombert versichert - endet der Rundgang. Elisabeth Eckhardt, Rüdiger Stein und die anderen Justizwachtmeister müssen wieder an die Arbeit. Denn die Mühlen der Justiz mögen langsam sein - ohne die Männer und Frauen in Blau würden sie aber gar nicht mahlen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare