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Künstlerbund "ordnet" sich virtuell

  • vonDagmar Klein
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Die Ausstellung "order/ disorder" des Oberhessischen Künstlerbundes ist im KiZ zwar aufgebaut. Doch wegen Corona und dem Lockdown darf sie dort aktuell niemand besichtigen. Die Künstler zeigen daher ihre Arbeiten auch im virtuellen Raum.

Auch diese Ausstellung fällt dem Corona-Lockdown zum Opfer. Die Hoffnung ist gering, dass bis zum geplanten Ende am 24. Januar noch Besuche möglich sein werden, so der OKB-Vorsitzende Dieter Hoffmeister mit Bedauern. Der Vorstand hat aber dafür gesorgt, dass eine Bilderschau (Fotos: Volker Kusterer) online anzuschauen und die Einführungsrede der Kuratorin Dr. Carola Schneider (Marburg) nachzulesen ist. Aber das entschädigt nicht für das Erleben der Kunst im Raum und im Miteinander, ganz abgesehen von der Begegnung und dem realen Gespräch der Menschen.

Ordnung trifft auf Unordnung

Das Ausstellungsmotto "order/disorder" hatten die OKB-Mitglieder bereits Anfang des Jahres ausgewählt. Dass es so gut zum Jahresthema Corona-Pandemie passen würde, konnte niemand ahnen. 33 Mitglieder haben sich beworben, die Jury tagte im Spätherbst. Für den 20. November war die Eröffnung geplant, doch die Hoffnung auf Lockerung der Besuchsregeln im Dezember erfüllte sich nicht.

Der Gesamteindruck der Ausstellung ist ausgesprochen harmonisch. Der Raum bleibt trotz der Werkfülle lichtdurchwirkt und man kann nur staunen, wie sich kleine, zarte Zeichnungen neben großen und farbig-kraftvollen Arbeiten behaupten können. Einige Werke sind dezidiert politisch, andere arbeiten mit rein ästhetischen Ordnungskategorien wie Katja Ebert-Krüdener in ihrer Fibonacci-Spirale aus angepinnten Laubblättern. Die große "Zelle" aus emailliertem Stahl von Hendrik Wienecke zeigt den gegenteiligen Aspekt Unordnung durch Zerstörung.

Klaren Bezug auf die Corona-Pandemie nimmt Ria Gerth mit ihrer Video-Ton-Installation, die Worte des Abstands erklingen lässt, bis man das sich steigernde Crescendo nicht mehr hören mag. Renate Bechthold-Pfeiffer hat eine sehr direkte Ansicht beigetragen: Frauen im Gespräch mit Abstand und Mund-Nase-Schutz. Beinahe martialisch ist Thomas Wörsdorfers Variante des Gesichtsschutzes mit militärischer Gasmaske.

Hautfarben und Flächen aus Trinitit

Als Folgen des Lockdowns interpretierbar sind Frank Wojtynowskis Materialbild "Fallende Preise" und Maggie Thiemes "Gespaltene Gesellschaft", für das sie zwei Fingerabdrücken mit rechts/links betitelt. Unverkennbar Wennemar Rustige, der mit schematischen Figürchen das polizeikritische "I cannot breathe"-Motiv darstellt.

Das 480-Quadrate-Bild von Dieter Hoffmeister enthüllt erst auf den zweiten Blick seinen politisch gemeinten Hintergrund. Der Titel "Colours" bezieht sich auf die vielen Hautfarben der Menschen, die er abwechselnd in Öl- und Acryl-Farben gemischt und auf die Leinwand mit einem Spachtel aufgetragen hat. Auch Norbert Grimms Ansatz ist ein versteckter. Wer weiß schon, dass Trinitit ein künstliches Glas ist, das bei der ersten Atombombenexplosion Juli 1945 entstand. Daraus hat er winzige Motive auf große monochrome Leinwände in orange, gelb und schwarz gesetzt.

Ordnung und Unordnung bestehen an Berthold Zavaczkis mächtigen Keramikgefäßen direkt nebeneinander. Volker Kusterer fotografiert Pflanzen, die menschliche Ordnungsgefüge durchbrechen, sei es auf der Straße oder hinter Jalousien. Anne Born ist fasziniert von Pflanzenstrukturen, die sie nahsichtig zeichnet.

Auch andere bleiben dem Bereich der Natur zugewandt: Renate Donecker in Waldgeschichten, Gisela Denninghoff mit einem Vulkanasche-Bild. Susanne Jacobs zeigt den letzten Feldblumenstrauß und im Hintergrund den Kampf gegen den Bau des Logistikzentrums in Lich. Paul Hess fertigt ein künstliches Natur-Diorama, umrahmt von Blinklichtern.

Zwei Bewerber als Gäste dabei

Reiner Packeiser zeigt die familiäre Ordnung, wenn der Opa mit dem Enkel Laufen übt. Faszinierend ist seine Technik, die aus dem Auftrag von Grafitstaub besteht. Irgendwie fühlt man sich an die unscharfen Foto-Gemälde von Gerhard Richter erinnert. Packeiser ist übrigens als Gast dabei, er hat sich für die Mitgliedschaft beim OKB beworben, genau wie Yutta Bernhardt, die seit Jahren in München lebt, aber in den 90er Jahren in der mittelhessischen Kulturszene aktiv war. Ihre Beiträge, Digitaldrucke auf Alu-Dibond-Platten, zeigen verschwimmende Motive, von denen eines wie eine Detonation mit Menschenmenge davor wirkt. Weitere Beteiligte dieser Schau sind: Werner Braun, Marina Cerea, Marion Fischer, Hans-Jürgen Hädicke, Paulina Heiligenthal, Anne Held, Asal Kosravi, Susanne Ledendecker, Michael Limbeck, Sylvia Roedler, Andreas Rück, Karin Schweikhard, Christian Malitzki, Angelika Nette.

Die Online-Präsentation der Ausstellung "order/disorder" im KiZ (Kongresshalle) findet man auf www.okb-giessen.de.

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