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Die Zentrale der Volksbank Mittelhessen im Schiffenberger Tal ist im Dezember 2018 Schauplatz eines folgenschweren Vorhabens. (Schepp)

Kündigung statt Jawort

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Das Gießener Arbeitsgericht hat sich am Mittwoch mit einem ungewöhnlichen Fall beschäftigt. Ein Angestellter der Volksbank Mittelhessen hatte gegen seine Entlassung geklagt. Kündigungsgrund: Der offenbar psychisch kranke Mann war mit einem Schwert in die Filiale gekommen und wollte einer Kollegin einen Heiratsantrag machen.

Es dauerte nicht lange, bis in den sozialen Medien die ersten Gerüchte die Runde machten. Angeblich habe es in der Zentrale der Volksbank Mittelhessen einen Amoklauf gegeben. Tatsächlich war am Morgen des 17. Dezember 2018 ein Großaufgebot der Polizei in den Schiffenberger Weg geeilt. Allerdings stellte sich das Szenario anders dar: Ein 53-jähriger Angestellter der Bank hatte das Servicezentrum in mittelalterlich angehauchter Montur und mit einem Schwert ausgerüstet betreten. Er suchte nach einer Kollegin, der er einen Heiratsantrag machen wollte. Die Frau war jedoch im Urlaub - und so hinterließ er ihr am Empfang eine Robin-Hood-DVD sowie einen Liebesbrief.

Das mag romantisch klingen. Allerdings waren der Angestellte und seine Auserkorene kein Paar. Zudem wirkte er auf seine Kollegen verwirrt, auch nach Aufforderung habe er das Schwert - offenbar ein täuschend echtes Requisit - nicht niedergelegt. "Sein Auftritt war erschreckend und bedrohlich", sagte am Mittwoch Dr. Bettina Grünwald. Die Rechtsanwältin vertritt die Volksbank vor dem Arbeitsgericht. Denn der 53-Jährige hat seinen Arbeitgeber verklagt - weil ihm wegen seines Auftritts außerordentlich gekündigt worden war. Bei der Verhandlung war der Kläger selbst nicht anwesend. Nach einem Aufenthalt in der Psychiatrie befindet er sich derzeit in Reha. Diagnose: bipolare affektive Störung.

Diese Erkrankung war zentraler Bestandteil des Kammertermins. Denn einer außerordentlichen Kündigung muss eine vorwerfbare Pflichtverletzung vorliegen. Sie ist dann vorwerfbar, wenn der Arbeitnehmer die ihr zugrunde liegende Handlung steuern konnte. Verteidiger Knud Stenzel sah diese Steuerungsfähigkeit aufgrund der psychischen Erkrankung seines Mandanten als nicht gegeben an. Die Gegenseite hat daran Zweifel.

Allerdings, darauf wies die Vorsitzende Richterin Claudia Schymik hin, gebe es Ausnahmefälle. Sie nannte als Beispiel einen Fall aus Köln, wo ein psychotischer Angestellter einen Kollegen mit einem Teppichmesser verletzt hatte. In diesem Fall sei das Fehlverhalten so schwerwiegend gewesen, dass eine Fortführung des Arbeitsverhältnisses nicht zumutbar gewesen sei. Ob das auch für den Vorfall bei der Volksbank in Gießen gelte, darüber gingen die Meinungen weit auseinander.

Stenzel betonte, bei dem Schwert habe es sich lediglich um ein ungefährliches Theaterrequisit gehandelt, einige Mitarbeiter hätten auf den Auftritt des 53-Jährigen sogar schmunzelnd reagiert. Grünwald entgegnete, das Schwert habe nicht nur täuschend echt gewirkt, es sei auch sehr gefährlich, da es aus Metall gewesen sei.

Vergleich statt Urteil?

Ihr Kollege Dr. Markus Kampermann, ebenfalls für die Volksbank tätig, sah das genauso. "Es war objektiv gefährlich", urteilte der Jurist, "es hätten schwerste Verletzungen entstehen können." Abgesehen davon seien einige Mitarbeiter sehr wohl verängstigt gewesen. Der Angestellte habe bei seinem Auftritt beispielsweise gesagt: "Hat jemand gemerkt, dass ich eine Waffe in der Hand habe?" Als eine Kollegin daraufhin gefragt habe, ob sie in Deckung gehen müsse, habe der 53-Jährige geantwortet: "Nein, du stehst auf der guten Seite." Durch sein wirres Auftreten und die Weigerung, das Schwert niederzulegen, hätte die Aktion durchaus bedrohlich gewirkt, weshalb die Bank auch die Polizei gerufen habe. Eine außerordentliche Kündigung sei daher der einzige Weg, die Belegschaft zu schützen, sagte Kampermann. Er erinnerte an die Fürsorgepflicht. "Eine weitere Zusammenarbeit ist nicht zumutbar."

Dazu wird es vermutlich auch nicht kommen. Ein Urteil wurde am Mittwoch zwar nicht gesprochen. Richterin Schymik regte jedoch einen richterlichen Vergleich an. Der sieht vor, die außerordentliche Kündigung zurückzunehmen und stattdessen eine ordentliche Kündigung auszusprechen, die zum 31. Juli in Kraft treten soll. Bis dahin wird der Angestellte - sollte er wieder arbeitsfähig werden - freigestellt. Anschließend soll er eine Abfindung in Höhe von 15 000 Euro erhalten. Er hat nun einen Monat Zeit, den Vorschlag anzunehmen.

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