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Ein kritischer Geist: Prof. Claus Leggewie, lange Jahre Politikwissenschaftler an der JLU Gießen. FOTO: PM

"Die Krise bietet eine Chance"

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Der Politikwissenschaftler Claus Leggewie aus Gießen zählt zu den führenden Intellektuellen Deutschlands. Heute feiert er seinen 70. Geburtstag. Ein Gespräch über Corona, den Ausnahmezustand, und Zukunftsfragen.

Herr Professor Leggewie, wie hatten Sie sich Ihren 70. Geburtstag vorgestellt - und wie wird er im Zuge der Corona-Pandemie aussehen?

Claus Leggewie: Geplant war eine große Feier mit alten und neuen Freunden aus vielen Richtungen. Stattdessen bereitet mir meine Kleinfamilie einen schönen Tag, womit ich auch sehr glücklich sein werde.

Bleiben Sie momentan Zuhause?

Ich stehe ja nicht mehr im Lehrbetrieb, und ein schreibender Mensch arbeitet ohnehin am produktivsten von Zuhause aus. Mir fehlen aber Begegnungen mit Menschen im größeren Kreis.

Sie haben zu Gießen - trotz Ihrer Tätigkeiten auch in anderen Städten - immer eine besondere Beziehung gehabt. Warum?

Als ich 1989 meinen Ruf an die Universität bekam, hatte ich dieselben Anfangsschwierigkeiten mit der Stadt wie andere, die es hierher verschlagen hatte. Ich war Großstadt gewohnt und habe während der Gießener Jahre die Gastaufenthalte in New York, Wien und Berlin genossen. Hier war aber meine akademische Alltagsarbeit, die ich so geschätzt habe wie die Unterstützung, die mir alle Uni-Präsidenten von Heinz Bauer über Stefan Hormuth bis Joybrato Mukherjee für übergreifende Projekte geboten haben, wie das Zentrum für Medien und Interaktivität oder ganz frisch das Panel "Planetares Denken". Zudem hat sich die Mittelstadt urban entwickelt - das Theater, die Kinos, die Gastronomie. Und am wichtigsten ist: Hier leben viele meiner besten Freunde.

Das Thema Corona spült gerade viele drängende Fragen hinweg - wie zum Klimawandel, zum rechtsextremistischem Terror oder zum Erstarken des Populismus. Wie und wann werden diese Themen wieder gehört?

Corona stoppt die klimaschädlichen Emissionen ja nur vorläufig. Aber die Krise bietet eine Chance, den Wiederaufbau der Wirtschaft unter die Prämissen ökologischer und sozialer Nachhaltigkeit zu stellen, also die bessere - menschlichere und gerechtere - Welt zu schaffen, über die wir schon lange nachdenken.

Aktuell funktioniert Politik in Deutschland sehr schnell und beinahe schon einmütig: Das Parlament beschließt mehrheitlich im Eiltempo wichtige staatliche Hilfen. Erleben wir gerade in dieser Krise eine Stärkung der Demokratie?

Das kann man nur hoffen. Die Dissense bleiben ja bestehen, aber Corona hat vieles als weniger wichtig entpuppt. Es wäre gut, wenn wir uns aufs Wesentliche konzentrieren. Und dazu gehört, den Rest der Welt nicht zu vergessen, beginnend mit den Flüchtlingen an den Grenzen.

Nimmt die Pandemie gerade auch den Populisten den Wind aus den Segeln?

Was haben die denn zu sagen? Von denen kam immer nur heiße Luft, schlecht gelauntes Querulantentum, Paranoia. Doch wenn sie so weit kommen wie Viktor Orbán in Ungarn, legen sie die Grundlagen für eine Diktatur. Insofern müssen Demokraten ihnen weiter klare Kante zeigen. Die "Auflösung" des Flügels der AfD könnte wie bei einer aufgelösten Schmerztablette dazu führen, dass die ganze AfD nach Flügel schmeckt.

Sie haben Viktor Orbán angesprochen: Es gibt Stimmen, die davor warnen, dass die Freiheitsrechte der Menschen im Zuge der Pandemie vielerorts beschnitten werden.

Wir müssen darauf achten, dass der aktuelle Ausnahmezustand nicht hinterrücks zur Normalität wird. Es bleibt dabei, dass nicht der Staat Bürgerinnen und Bürgern Rechte auf Bewährung gewährt, sondern die Bürgergesellschaft dem Staat nur vorübergehend Notstandsrechte an die Hand gibt. Solche benötigen eine gute Begründung und die Befristung der getroffenen Maßnahmen. Sozialität und Gemeinsinn zu fördern, während die Menschen sich dissoziieren, also voneinander fernhalten, ist ein Experiment mit offenem Ausgang.

Mehr miteinander reden, weniger in Filterblasen bewegen - diese Hoffnung hatten Sie ja auch, als Sie zusammen mit Behzad Borhani eine Diskussionsreihe im Stadttheater Gießen moderiert haben. Wird "Corona" dazu beitragen, dass wir wieder mehr miteinander als aneinander vorbeireden?

Die Diskussionsreihe war eine gute Erfahrung, aber sie hatte größere Ansprüche: in Gießen einen Zukunftsrat auf die Beine zu stellen, der dauerhaft und gut ausgestattet Anregungen zum Beispiel für einen Klimaschutzplan gibt. Das haben andere jetzt übernommen, gut so. Die etablierten Rathauspolitiker sehen das fälschlicherweise immer noch als Konkurrenz, nicht als Stütze.

Wie sieht Ihre Zukunft in Gießen aus?

Auch kleine Freuden und jede Stunde wertschätzen. Und nachdenken, wie es nach dieser "once-in-a-lifetime"-Krise weitergeht

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